Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 144
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0144
144 Epiſteln und Reiſebilder. II.

dem römiſchen Volke Krieg führte, den Berg Hämus in Theſſalien
beſteigt, von deſſen Gipfel zwei Meere, das Adriatiſche und der
Pontus Euxinus ſichtbar ſein ſollen: Ob dies nun richtig oder
unrichtig iſt, hab' ich nicht in Erfahrung gebracht, die Entfer⸗
nung des Hämus von unſerm Erdteil und die Meinungsver⸗
ſchiedenheiten der Schriftſteller macht die Sache zweifelhaft;
Pomponius Mela, der Kosmograph, meldet ohne Bedenken,
daß dem ſo ſei, Livius hält die Sage für falſch ... ſoviel aber
weiß ich, wenn der Hämus ſo in meiner Nähe läge wie der Mont
— würde ich die Sache nicht lange im unklaren ruhen
aſſen.
Um nun — jenes dahingeſtellt, auf beſagten Mont Ventoux
zurückzukommen, ſo ſchien mir, was bei einem greiſen Könige
nicht zu tadeln iſt, auch bei einem jungen für ſich lebenden
Manne zu entſchuldigen.
Da ich mir aber die Wahl eines Reiſegefährten überlegte,
ſchien kaum irgendeiner meiner Freunde allſeitig paſſend dafür;
ſo ſehr iſt auch unter Naheſtehenden jene genaueſte Überein⸗
ſtimmung des Gemütes und der Lebensweiſe eine ſeltene; der
eine erſchien mir ſäumiger, der andre wachſamer, der eine lang⸗
ſamer, der andre ſchneller, der eine trauriger, der andre fröh⸗
licher, der eine dummer, der andre klüger, als ich wünſchte; bei
dem einen ſchreckte mich die Schweigſamkeit, beim andern die
Geſchwätzigkeit, beim einen ſeines Leibes Gewicht und Fette,
beim andern die Magerkeit und Schwäche; — hier war die kühle
Gleichgültigkeit, dort die allzu hitzige Tätigkeit zu bedenken —
kurz, was man zu Hauſe geduldig hinnimmt — denn die Liebe
erträgt ja alles, und die Freundſchaft weigert ſich keiner Laſt —
dasſelbe wird auf der Reiſe oftmals erdrückend.
Alſo wog mein Gemüt zarterweiſe bei dieſem Wunſch einer
ehrbaren Vergnügung alles ab — ohne Verletzung der Freund⸗
ſchaft, und ſuchte ſchweigend alles, was der vorgenommenen
Reiſe läſtig werden konnte, fernzuhalten.
Kurz und gut, endlich warb ich häusliche Hilfstruppen und
eröffnete meinem jüngern Bruder, den du wohl kennſt, die
Sache. Dem konnte nichts fröhlicher kommen; er wünſchte ſich
Glück, zugleich Bruders und Freundes Stelle bei mir einzu⸗
nehmen.
Am beſtimmten Tag zogen wir von Hauſe ab und kamen
gegen Abend nach Maloncenes (Malauſana). Dieſer Ort liegt


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