Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 145
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 145

an den Abhängen des Berges gegen Norden; dort verweilten
wir einen Tag, und heute endlich beſtiegen wir mit etlichen die⸗
nenden Leuten den Berg, nicht ohne große Schwierigkeit, denn
er iſt eine ſteile und kaum zugängliche Maſſe felſigen Terrains.
Aber der Dichter ſagt: Iabor improbus omnia vincit. Der Tag
war lang, die Luft mild, die Gemüter waren entſchloſſen, die
Körper ſtark und geübt im Marſchieren; nur die Natur des
Ortes ſchuf uns Hinderniſſe.
In den Schluchten des Gebirgs trafen wir einen alten Hir⸗
ten, der verſuchte mit viel Worten uns von der Beſteigung ab⸗
zubringen und ſagte, er ſei vor ſchier fünfzig Jahren in dem⸗
ſelben Drang jugendlichen Feuers auf die höchſte Höhe empor⸗
geſtiegen, habe aber nichts mit zurückgebracht als Reue und
Mühſal, Leib und Gewand zerriſſen von Steinen und Gedörn,
und es ſei niemals weder vorher noch nachher erhört worden,
daß einer ähnliches gewagt. Während er aber alſo plauderte,
wuchs bei uns — wie ja der Jugend Sinn ſtets ungläubig iſt
für Warnungen — aus der Schwierigkeit das Verlangen. Da
nun der Alte merkte, daß er nichts bei uns ausrichte, ging er ein
Stück weit mit und bezeichnete uns mit dem Finger einen zwi⸗
ſchen Felſen emporziehenden ſteilen Fußpfad, indem er uns
noch vielfach ermahnte und vieles, nachdem wir uns ſchon ge⸗
trennt hatten, noch von rückwärts nachrief.
Bei jenem ließen wir zurück, was uns an Gewändern und
Gerät läſtig war; gürteten und ſchürzten uns nun lediglich für
die Bergbeſteigung und ſtiegen wohlgemut und hitzig empor.
Aber, wie es zu geheſt pflegt — auf mächtige Anſtrengung folgt
plötzliche Ermüdung. Wir machten alſo nicht weit von da auf
einem Felſen halt; von dort rückten wir wiederum vorwärts,
aber langſamer, und ich insbeſondere fing ſchon an, den Ge⸗
birgspfad mit beſcheidenerem Schritt zu beſchreiten. Mein Bru⸗
der ſtrebte auf einem abſchüſſigen Pfad mitten über die Joche
des Berges zur Höhe empor; ich, als weicherer Steiger, wandte
mich mehr den Schluchten zu. Da er mir nun zurief und den
Weg richtiger bezeichnete, erwiderte ich ihm, ich hoffe, von der
andern Seite leichter emporzukommen, und ſcheue mich nicht vor
dem Umweg, wenn er mich ebener führe. Dieſer Vorwand ſollte
die Entſchuldigung meiner Trägheit ſein; aber während die
andern ſchon hoch auf der Höhe ſtunden, irrte ich noch durch
die Täler, ohne daß irgendwo ein ſanfterer Aufweg ſich auftat;
Scheſfel. VIII. 10


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