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146 Epiſteln und Reiſebilder. II.
nur mein Weg ward verlängert und die unnötige Arbeit er⸗
ſchwert. Indeſſen, da ich mißmutig mich meines Irrtums är⸗
gerte, beſchloß ich, geradeswegs die Höhe zu erſtreben, erreichte
auch wirklich müd und mit zitternden Knien meinen Bruder,
der ſich mit langem Ausruhen erquickt hatte, und wir gingen
ein Stück weit gleichen Schrittes. Kaum aber hatten wir jene
Höhe verlaſſen, ſo vergaß ich meine frühere Erfahrung und kam
wieder mehr zur Tiefe hinab — und indem ich etliche Täler
durchwandelt und die leichten langen Wege einhielt, bereitete ich
mir ſelber große Schwierigkeit, denn ich ſchob die Mühſal des
Emporſteigens zwar hinaus, aber durch des Menſchen Ingeni⸗
um wird die Natur der Dinge nicht verändert, und niemals wird
es möglich werden, daß einer durch Abwärtsſteigen in die Höhe
gelange.
Kurz, nicht ohne Lachen meines Bruders ſtieß mir ſolches
während weniger Stunden drei oder mehrmal zu. Solcherweiſe
oft getäuſcht, machte ich in einem Tale halt.
Dort, in geflügelten Gedanken von Körperlichem auf Un⸗
körperliches übergehend, ſprach ich etwa folgendes zu mir ſelber:
„Was dir heute bei Beſteigung dieſes Berges ſo oftmals wider⸗
fahren, wiſſe, daß dies auch dir wie vielen andern auf dem
Wege zum ſeligen Leben widerfährt, aber es wird darum von
den Menſchen nicht hoch angeſchlagen, weil des Körpers Bewe⸗
gungen einem jeden offenkundig ſind, die der Seele aber un⸗
ſichtbar und verborgen. Siehe nun, auch die Seligkeit ſteht auf
erhabener Höhe; ein ſchmaler Pfad führt zu ihr hin, viele Hügel
ragen dazwiſchen, und von Tugend zu Tugend muß mit für⸗
ſichtigen Schritten gewandelt werden.
Auf dem Gipfel iſt das Ende und Ziel unſers Lebens, auf ihn
iſt unſre Wallfahrt gerichtet.
Dorthin wollen alle gelangen, aber wie Ovid ſagt: Velle
parum est, cupias ut re potiaris oportet.
Und wenn du nun entſchieden empor verlangſt, was hält dich
zurück? Nichts anderes, als daß der Weg durch die Freuden der
Erde und ihre Niederungen ein ebnerer und beim erſten Anblick
zweckmäßigerer erſcheint. Aber nach langem Herumirren oder
unter der Laſt übel hinausgeſchobener Arbeit bleibt dir doch
nichts übrig, als geradesweges zum Gipfel der Seligkeit empor⸗
zuſteigen oder aber in den Tälern deiner Sünden ermattet nie⸗
derzuſinken und — was Gott verhüten möge, wenn Finſternis
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