http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0147
Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 147
und Schatten des Todes dich dort überraſchen, ewige Nacht in
ewiger Qual zu verbringen.“
Dieſe Betrachtung richtete mich unglaublich an Geiſt und
Körper wieder auf. Gebe Gott, daß meine Seele ihre große
Reiſe, der ſie bei Tag wie bei Nacht ſich entgegenſehnt, glück⸗
lich zu Ende führe!
Den oberſten der Gipfel heißen die Leute im Gebirg
„das Söhnlein“ (filiolum), warum, weiß ich nicht, vielleicht
des Gegenſatzes halber, denn er ſchaut in Wahrheit eher wie der
Vater aller benachbarten Berge aus. Auf ſeinem Scheitel ſtreckt
ſich eine kleine Ebene, dort hielten wir ermüdet Raſt.
Und da du nun vernommen, von welcherlei Sorgen der Geiſt
des Emporſteigenden erſtiegen wurde, ſo vernimm, ehrwürdiger
Vater, auch den Reſt und wende ein Stündlein auf Leſung der
Erlebniſſe dieſes meines einen Tages. Zuerſt denn, von unge⸗
wohntem Zug der Luft und dem freien Schauſpiel ergriffen,
ſtand ich wie ein Staunender; — ich ſchaue zurück: da lagerten
die Wolken zu meinen Füßen. Schon erſchien mir minder fabel⸗
haft der Athos und Olympus, da ich das, was ich von jenen ge⸗
hort⸗ und geleſen hatte, an einem minder berühmten Berge er⸗
aue.
Hernach wende ich den Strahl des Auges nach deritalieniſchen
Seite, wohin ſich ja am meiſten die Seele neigt: ſtarr und
ſchneebedeckt und ganz in meiner Nähe erſchienen mir die Al⸗
pen, durch welche einſt jener wildeſte Feind des römiſchen Na⸗
mens ſich einen Durchgang bahnte und, wenn der Sage zu
glauben, mit Eſſig die Felſen ſprengte; — und doch ſind ſie ein
Beträchtliches von hier entfernt. Ich ſeufzte, ich geſtehe es,
nach Italiens Himmel, der mehr meiner Seele als meinen Au⸗
gen erſchien, und eine unſägliche Sehnſucht, Freunde und Va⸗
terland wieder zu ſehen, befiel mich — eine Sehnſucht, die ich
eigentlich eine unmännliche Weichheit ſchelten ſollte, aber auf
großer Männer Zeugnis zur Entſchuldigung ſtützen kann. Her⸗
nach kam ein neuer Gedanke über meinen Geiſt und führte
ihn vom Raum zur Zeit. Denn ich ſprach zu mir ſelber: „Heute
erfüllt ſich ſchon das zehnte Jahr (1326. 1336), ſeit daß du
nach Vollendung der jugendlichen Studien Bologna verlaſſen!
O unſterblicher Gott, o unwandelbare Weisheit, wieviel und
wie große Umgeſtaltungen deines Weſens hat dieſe mittlere Zeit
erlebt! Unzähliges übergehe ich, denn ich bin noch nicht in demt
10 *
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0147