Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 148
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0148
148ꝰ Epiſteln und Reiſebilder. II.

Hafen, um ſicher vergangener Stürme zu gedenken; vielleicht
kommt einſt die Zeit, wo ich alles in der Reihe, wie es geſchah,
wiedererzählen kann, indem ich, wie Auguſtinus, als Vorwort
ſpreche: ‚Meiner vergangenen Schmählichkeiten will ich geden⸗
ken und der fleiſchlichen Verderbnis meiner Seele, nicht weil ich
daran ein Gefallen trage, ſondern um dich, mein Gott, zu lie⸗
ben.“ Jetzt aber ſteht mir noch viel zweideutig und läſtig Geſchäft
bevor, was ich zu lieben pflegte, lieb' ich nicht mehr — aber,
um nicht zu lügen, ich liebe es noch, aber ehrbar und in Be⸗
trübnis. Dies iſt die Wahrheit: ich liebe, was nicht zu lieben
mir lieb wäre, was zu haſſen ich wünſchte, ich liebe es zwar,
aber wider meinen Willen, gezwungen, traurig und klagend,
und an mir ſelber erprobte ich die Wirkung jenes berühmten
Verſes: . .
Adero si potero: si non invitus amabo.
Noch iſt mir das dritte Jahr nicht verfloſſen, ſeitdem jene
verkehrte und ſchlimme Neigung mich ganz feſſelte und in dem
Hofraume meines Herzens einzig und ohne Widerſacher regier⸗
te; eine zweite begann, ſich wider ſie zu erheben und ſie zu be⸗
kämpfen: auf der Walſtatt meiner Gedanken wird nun täglich
in ſchwerer, aber unentſchiedener Schlacht von beiden geſtrit⸗
ten.
... Alſo und ähnlich freute ich mich des Fortſchritts, be⸗
weinte meine Unvollkommenheit, bemitleidete die allgemeine
Wandelbarleit menſchlicher Handlungen und hatte ſchier ver⸗
geſſen, warum ich heraufgekommen, bis ich einſah, daß noch
andere Orte paſſender ſeien, ſich mit Sorgen zu plagen, und
bis ich das betrachtete, deſſen Anblick zulieb ich heraufgeſtiegen.
Denn ſchon war es Zeit zurückzukehren, die Sonne neigte ſich,
der Schatten des Berges wuchs mächtig und gemahnte mich
gleichſam, aufzuwachen. Da wandte ich mich rückwärts und
ſchaute nach Weſten.
Jener Grenzwall zwiſchen Frankreich und Spanien, die Gip⸗
fel der Pyrenäen, werden von dort aus nicht geſehen — nicht
als ob ein fremder Gegenſtand dazwiſchen ſtünde, ſondern nur
wegen der Unzulänglichkeit des menſchlichen Auges.
Zur Rechten aber waren die Berge der lyoniſchen Provinz,
zur Linken der Meerbuſen und die etliche Tagereiſen entfern⸗
ten Gewäſſer von Aigues⸗Mortes aufs deutlichſte ſichtbar; die
Rhone ſelbſt ſtrömte vor unſern Augen.


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