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Ein Tag am QZQuell von Vaucluſe. 149
Wie ich nun dies im einzelnen bewunderte und bald mich
nach irdiſchen Dingen erkundigte, bald nach Vorbild des Leibes
auch den Geiſt in höhere Sphären verſetzen wollte, kam mir zu
Sinn, das Buch der Bekenntniſſe des Auguſtinus, das mir deine
Güte einſt verehrt und deſſen ich mich zur Erinnerung an den
Geber bediene, aufzuſchlagen — ein erprobtes Werklein, das ich
allezeit zu Handen führe, klein von Umfang, aber unſäglich ſüß
von Inhalt. Ich ſchlage es auf, um zu leſen, was mir entgegen⸗
treten würde — denn auf was anderes als etwas Frommes und
Ergebenes könnte ich wohl ſtoßen? Zufällig griff ich das zehnte
Buch jenes Werkes heraus. Mein Bruder, erwartungsvoll, aus
meinem Munde etwas von Auguſtinus zu vernehmen, ſtund
mit geſpannter Aufmerkſamkeit; — ich rufe Gott an und ihn
ſelber, der bei mir war — wie ich die Augen auf das Blatt
ſenkte, ſtund geſchrieben: Et eunt homines admirari alta
montium, et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus
fluminum et oceani ambitum et gyros siderum etrelinquunt
se ipsos*).
Ich geſtehe, daß ich ſehr betroffen war; meinen etwas zu
hören begierigen Bruder bittend, mir nicht beſchwerlich zu
fallen, ſchloß ich das Buch, ich zürnte mir ſelber, daß ich auch
jetzt noch irdiſche Dinge bewundert hatte, die ich längſt ſchon
ſelbſt von den Philoſophen der Heiden lernen gekonnt, daß nichts
wunderbar als der Geiſt, und daß, wenn dieſer groß, nichts an⸗
deres mehr groß erſcheint. Dann aber, ſattſam zufrieden, den
Berg geſehen zu haben, wandte ich den innern Blick in mich
ſelber zurück, und von jener Stunde an war keiner, der mich
reden hörte, bis wir in der Tiefe unten wieder anlangten. Ge⸗
nug der Beſchäftigung hatte jenes Wort über mich gebracht,
ich konnte nicht glauben, daß es zufällig ſo eingetroffen; alles,
was ich geleſen, ſchien mir in bezug auf mich, nicht auf andere
geſagt; ich erinnere mich, wie Auguſtinus ſelber ein ähnliches
erlebt.
Der Reſt meines Leſens war Schweigen; ich bedachte, wie
arm an Rat die Sterblichen, wie ſie ihr edelſt Teil vernachläſ⸗
ſigend ſich über ſo vieles verbreiten und an leerem Schauſpiel
ereiteln, wie ſie das, was im Innern zu finden iſt, äußerlich ſu⸗
*) Da gehen die Menſchen, die Höhen der Berge zu bewundern und die
Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüſſe, des Ozeans Umkreis und der
Geſtirne Bahnen, und verlieren dabei ſich ſelber.
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