Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 150
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0150
150 Epiſteln und Reiſebilder. II.

chen, und ich bewunderte die edle Anlage unſers Geiſtes, der
nur leider aus freiem Willen entartet, von ſeinem primitiven
Gehalt abgewichen iſt und das, was ihm Gott zu ſeiner Ehre
verliehen, ins Gegenteil verwandelt hat.
Wie oft, meinſt du, hab' ich an jenem Tage talabwärts ſtei⸗
gend und rückwärts gewendet den Gipfel des Berges betrachtet,
aber ſeine Höhe ſchien mir kaum mehr die Höhe einer Stube,
verglichen mit der Höhe menſchlicher Kontemplation, wenn
dieſelbe nicht in den Schmutz irdiſcher Niedrigkeit getaucht iſt.
Das auch fiel mir bei jedem Schritte ein: Wenn es uns nicht
verdrießt, ſo viel Schweiß und Mühſal zu ertragen, um den
Körper dem Himmel ein weniges näher zu bringen: welches
Kreuz, welch Gefängnis, welcher Stachel darf eine Seele ſchrek⸗
ken, die ſich Gott nähern will! ...
. . Unter ſolchen Erregungen des Herzens kam ich ohne ein
Gefühl des ſteinigen Fußpfades wieder bei jener gaſtlichen Hütte
des Hirten an; vor Tagesanbruch waren wir von dort aufgebro⸗
chen, in tiefer Nacht kehrten wir zurück, der Mond ſpendete uns
ſeinen dankenswerten Schein auf den Marſch. Dieweil nun
unſre Diener mit Herbeiſchaffung der Abendmahlzeit beſchäf⸗
tigt ſind, habe ich mich in einen abgelegenen Teil des kleinen
Hauſes begeben, dir dieſes eiligſt und aus friſchem Gedächtnis
zu ſchreiben, damit nicht, wenn ich's verſchiebe, durch Anderung
des Ortes auch die Gedanken ein ander Gewand erhalten und
der Eindruck ſich abſchwäche.
Betrachte es nun, geliebteſter Vater; nichts an mir ſoll dei⸗
nen Augen verborgen bleiben — mein ganzes Leben wie meine
einzelnſten Gedanken teile ich dir ſorgſam mit; bitte zu Gott
für ſie, daß ſie, die ſo lange ſchweifend und unſtet ſind, endlich
ihre Ruhe finden und nach nutzloſem vielfältigen Umhergeſchleu⸗
dertſein ſich dem einen Guten, Wahren, Sicheren und Bleiben⸗
den zuwenden mögen.
Leb wohl!“
... Und mit dieſem frommen Schlußwunſche Petrarcas will
auch ich für heute dem Tal von Vaucluſe, dem Berge Ventoux
— dem ganzen Lande von Avignon und Venaiſſin Lebewohl
agen!


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