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156 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Wie herrlich iſt's doch im allgemeinen zu verſäumen ſeine
Kanzleiſtund', — Gedenkend der Zeit, wo die ganze Welt, wo
Tun und Laſſen noch freiſtund, — Wo man mit der ganzen
Jugendkraft mit fröhlichem Körper und Geiſt und — Mutigem
Ringen als wie ein Soldat zur Fahne der Poeſei ſtund! —
Anſtellend dieſe verpönte, jedoch ſo edle und wahre Betrach⸗
tung, — Steig ich an dieſem Vormittag in meiner eigenen
Achtung, — Daß ich jedwede Bureauarbeit abweiſend mit Ver⸗
achtung, — Das Dampfſchifflein der Gedanken heut befrach⸗
tend mit beſſ'rer Befrachtung, — Fortſteure aus der Region
zeitweiſer Sinnesumnachtung. —
Fortſteure? Wohin? Ich glaub' in die Pfalz, in die fröh⸗
liche Pfalz nach Weinheim, — Denn dorthin denk' ich zuweilen
auch mit Sehnſucht und leiſem Gegrein heim, — Als wär' ein
Stück meiner Seele mir mit unſichtbarlichem Scheinleim —
Dort feſtgeleimt und fände nicht an anderm Ort zum Gedeih'n
Keim. — Mir iſt, es wäre Donnerstag, ich bäte, daß man mir
einräum' — Ein Album, drin ich zeichnend mich ſo gern ein⸗
ſpinn' und einträum' — Zu ſchlürfen noch einmal italiſchen
Lands und italiſcher Kunſtphantaſei'n Seim. — Oder zu er⸗
ſinnen einen zierlich klingenden Feinreim. —
's ſchlägt zwölf Uhr ſchon, die Kanzleiſtund' iſt mit Glück
verträumt, die infame, — So wünſch' ich dieſem Knittelgereim'
eine freundliche Aufnahme — Und wünſch' euch allen zum
Schluſſe des Jahres in feierlichem Proklame — Viel Glück
und daß der Kaffee nie ſei ohne Zucker und Rahme. — O
Juletante, du federgewandte, Abu⸗Seid⸗verſtändige Dame, —
Daß ich nicht verfall' an der Donau Quell dem herzverzehren⸗
den Grame — Oder gar dem ſtillen Trunk mich ergeb' und
an der Seele erlahme, — Gedenke mein und ſchreibe mir bald
eine lange, lange Makame, — Sie wird mir ſein wie ein
gülden Gefäß, gefüllt mit edlem Balſame. L
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