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Skizzen aus dem Elſaß. 157
Skizzen aus dem Elſaß.
(1872.)
I. Rosheim.
Eingetieft in eine Mulde des Tales, welches von dem Vo⸗
geſenflüßlein Magel gebildet wird, zwiſchen ſonnigen Vorhü⸗
geln, darauf Hopfen und Reben mit Feldern und Wieſen ab⸗
wechſeln, während als dunkler Hintergrund blaugraudie ſchwung⸗
vollen Umriſſe des waldigen Odilienberges und die Sandſtein⸗
kuppe, die das Schloß Girbaden trägt, die Landſchaft abſchlie⸗
ßen, liegt Rosheim, eine der zehn Städte des Elſaſſes, von jetzt
vielleicht viertauſend Einwohnern, im achten Jahrhundert als
villa Rodasheim, im dreizehnten als oppidum Rodesheim er-
wähnt und erbaut in Form einer von einer Stadtmauer um⸗
grenzten Ellipſe, welche eine lange Hauptſtraße und eine kür⸗
zere Querſtraße, jeweils von einem Torturm abgeſperrt, recht⸗
winklig durchteilen.
Mit der von Straßburg nach Barr führenden Eiſenbahn an⸗
gelangt, durchſchreiten wir das öſtliche Stadttor, einen ſchiefer⸗
gedeckten Turm, über deſſen Spitzbogen in modernem Fresko⸗
bild eine Madonna mit dem Kinde das Wappen der Stadt, als
deren Schutzpatronin ſie verehrt wird, dem Wanderer entgegen⸗
hält. Die elſäſſiſchen Städte lieben ihre „armoiries parlantes“;
etwas mehr Vertrautheit mit älterem Deutſch dürfte manche
poetiſch anſprechende Heraldik berichtigen, und wenn auch ſelbſt
die Madonna einen Schild mit goldener Roſe im roten Feld
hält, ſo leitet der unerbittliche Sprachforſcher dennoch „Ro⸗
desheim“ nicht von den Roſen ab und würde in einem rodenden
Bauern ein zwar minder poetiſches, aber richtigeres Stadtſym⸗
bol erblicken; wie er ſich aus gleichem ſprachlichen Grunde kaum
entſchließen wird, das elſäſſiſche Rodesheim im edlen Wett⸗
ſtreite mit dem bayeriſchen Roſenheim am Inn für die Vater⸗
ſtadt des Minneſängers „Chuonze von Roſenheim“ zu erken⸗
nen, von welchem die Maneſſeſche Sammlung ſechs Strophen
zu Ehren der Frauen aufzeichnet.
Sicher beglaubigt unter Rosheims frühmittelalterlichen Er⸗
innerungen ſind ſeine nahen Beziehungen zum Kloſter Hohen⸗
burg auf dem Odilienberg. Dieſes übte, den Kaiſer ſtellver⸗
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