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160 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Ecken und in der Mitte des Daches ſtatt mit Akroterien mit frei
vorſpringenden, grotesk ungeheuerlichen, aber von präziſem
Meiſel gehauenen Steingeſtalten dekoriert — ſo ragt dieſes
Gotteshaus der Heiligen Petrus und Paulus aus dem friſchen
Grün umgebender Kaſtanienbaum, fremdartig, rätſelhaft, ein
Märchen aus alten Zeiten ... und ſein Reichtum an Steinbild⸗
werken wirkt um ſo ſonderbarer, als überall, wo ſonſt an Kir⸗
chen ſolche angebracht zu werden pflegen, insbeſondere in den
Halbbogen der Portale, hier keine ſichtbar ſind, während an
Punkten, wo ſie ſonſt nicht für nötig erachtet werden, es hier
weder an zähnefletſchenden Ungetümen noch an menſchlichen
Dachſitzern fehlt.
An verſchiedenen Stellen der Mauer ſind Flachreliefbilder
eingefügt; eigentlich ornamentiert iſt die Außenſeite der
großen Chorniſche; ein Blattwerk von reicher Formgebung um⸗
rahmt das Rundbogenfenſter, drei Steinplatten zeigen die Sym⸗
boltiere der Evangeliſten, den Adler, den Ochſen, den Flügel⸗
löwen von Heiligenſchein umgeben, während das Symbolbild
des Engels auf der vierten Platte ſorgſam weggehauen und nur
im Umriß noch ſichtbar iſt.
Das Hauptportal, anderwärts oft ganze Zyklen von Kirchen⸗
geſchichte, Legende und ſcholaſtiſcher Theologie in Stein ge⸗
hauen entfaltend, iſt ſogar ganz ohne Säulen und Kapitäle, nur
von einem ringsumherlaufenden Bande von abwechſelnden Kan⸗
nelüren und Schuppen umſchloſſen. Eine einzige bibliſche Fi⸗
gur, der heilige Petrus mit Schlüſſel und Buch, erſcheint hoch
oben im Giebel der Vorderfaſſade, alle andern Bildwerke ſind
Tierſymbolik und Bauhumor.
„Die Faſſade hat,“ wie Schnaaſe in ſeiner Geſchichte der bil⸗
denden Künſte mit feinem Kennerblick bemerkt, „etwas Antiki⸗
ſierendes und eine an gewiſſe italieniſche Bauten erinnernde
einfache und klare Anordnung. Der Turm befindet ſich näm⸗
lich auf der Vierung des Kreuzes, und die Vorderſeite ſtellt nur
den Durchſchnitt des Innern dar, und zwar in der Art, daß der
untere, der Höhe der Seitenſchiffe entſprechende Teil durch Liſe⸗
nen und Rundbogenfrieſe ſehr einfach und harmoniſch verziert
iſt und das Dachgeſimſe neben ſeinem Bogenfrieſe auch über
den mittlern, das Portal enthaltenden Raum als horizontale
Bedeckung fortläuft und ihn mit den Seitenſchiffen zu einem
Ganzen verbindet. Hierdurch erhält der obere, durch einen
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