Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 161
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Skizzen aus dem Elſaß. 161

flachen Giebel bekrönte Teil der Faſſade ungefähr die Verhält⸗
niſſe eines antiken Tempels, an den er um ſo mehr erinnert,
als der Giebel auf der Spitze einen Adler, an den Eckwinkeln
ruhende Löwen mit menſchlichen Geſtalten zwiſchen ihren
Klauen trägt.“

In das Innere durch ein mit zwei ſeltſam gewundenen Säu⸗
len und ſchweren Archivolten geſchmücktes Seitenportal ein⸗
tretend, werden wir von einem, durch die Glasmalereien der
verhältnismäßig niedern Rundfenſter bewirkten, ſo muſtiſchen
Halbdunkel und trüben Farbenſchimmer umfangen, daß es un⸗
möglich wird, in gedrucktem Gebetbuch zu leſen oder die merk⸗
würdige Anordnung des Langhauſes, deſſen Schiffarkaden eine
Neigung zum Spitzbogen haben — die bald ſchachbrett⸗, bald
blattwerk⸗, bald ſtrickartig in mannigfachſtem Wechſel verzierten
Geſimſe der Pfeiler oder die in ihrer Art einzigen rieſigen
Würfelkapitäle der vier kurz gedrungenen, mit ſchweren Pfei⸗
lern abwechſelnden Säulen genauer zu betrachten. An einer
der kurzſtämmigen Säulen des Langſchiffes wird die ſchwere
viereckige Plinthe durch ein aus Würfelknäufen zuſammenge⸗
ſetztes Kapitäl getragen, um deſſen Ablauf ſich wie ein Kranz
oder eine Perlenſchnur vierundzwanzig kleine Menſchenköpfe
oder Masken aneinandergereiht herumziehen. Zwei Pfeiler und
zwei Säulen ſollen Spuren alter Bemalung tragen.

Glücklicherweiſe haben unſere Kunſtforſcher Lübke und Laſius
in Förſters „Allgemeiner Bauzeitung“, Jahrgang 1866, das
Syſtem der Rosheimer Kirche und Einzelheiten wie das Men⸗
ſchenhauptkapitäl, das Lindenlaubkapitäl, die hockenden Geſtal⸗
ten, welche die Konſolen der Gewölbeanſätze ſtützten, unter
anderem in ſo genauen Aufnahmen dargeſtellt, daß uns das im
Innern herrſchende Dunkel nichts Ungekanntes verhüllt.
Eine mit Geſchmack und Pietät geleitete Wiederherſtellung
verdankt die Kirche dem Stadtbaumeiſter von Schlettſtadt, Herrn
Ringeiſen. Haupt⸗ und Seitenaltäre wie die Kanzel ſind im
alten Stil erneut, die Glasfenſter von Petit⸗Gérard, die im
Chor vor dem Erlöſer knienden Schutzheiligen Petrus und Pau⸗
lus in Fresko gemalt von Richomme.
Rätſelhaft wie die Kunſtform iſt auch die Geſchichte des
Baues. Italieniſche Meiſter ſollen ihn nach dem Vorbild des
Domes zu Ancona erbaut, der dem elſäſſiſchen Geſchlecht der
Scheffel. VIII. 11


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