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166 Epiſteln und Reiſebilder. II.
arbeit veranlaßt hat: ein von romaniſchen Säulenpfeilern ge⸗
ſchmücktes Kamin mit einem Nebenfenſter mit reizender, ſpitz
zugehender punktierter Überwölbung. Hierher mag man als
Staffage die anſpruchsvollen Damen und raufluſtigen Herren
jenes rauhen vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts den⸗
ken, wo ſo ziemlich alle mit allen in Händeln lagen, wo man un⸗
geſtüme jüdiſche Gläubiger mit dem Scheiterhaufen zur ewigen
Ruhe brachte, wo das Elſaß bald von engliſchen Prätendenten
und Söldnerbanden, bald von armen Gecken und innern Raub⸗
fehden ſo verwüſtet und geplündert wurde, daß die beſten Be⸗
wohner dieſer Feudalſitze nach heutigem Ordnungsbegriff die
beſten Kunden unſerer Schwurgerichte ſein würden. Jetzt wei⸗
den braune Lämmer den verſchütteten Grund, und nur der hei⸗
ſere Schrei des Wanneweih bricht die Einſamkeit...
Lützelburg, das vordere Schloß, ebenfalls von einem in den
Sandſtein eingeſchroteten Burggraben wehrhaft umſperrt, iſt
kleiner als die nur auf Pfeilſchußweite von ihr entfernte Haupt⸗
burg, ein viereckiger Steinklotz mit quaderfeſt aufgeführtem
Rundturm; die Mauern ſind beinahe ohne Fenſter, roh gemau⸗
ert; aus dem geräumigen Burghof, in dem ein verlaſſenes
Wohnhaus des derzeitigen Beſitzers Herrn Fuchs von Illkirch
ſteht, führt der Eingang zur Burg über eine Art Brücke zwiſchen
engen Mauern hin; über dem Tor iſt als einziger Schmuck ſtatt
eines Wappens eine ausgehauene leere Niſche, wie ſie auch an
elſäſſiſchen Bauernhäuſern für die Hausheiligen beſtimmt iſt.
Die Sage vermeldet nichts von dieſer Lützelburg, die Geſchichte
wenig. Vom Geſchlecht derer von Lützelburg, die im vierzehn⸗
ten Jahrhundert ausſtarben, kam ſie an die Herrn von Andlau,
dann ebenfalls an die Ratſamhauſen, welche ſie im Burgfrieden
mit Engelhart von Nidekk, Jakob von Hohenſtein u. a. gemein⸗
ſchaftlich beſaßen. Lehensherren waren die Kurfürſten von der
Pfalz. 1474 ſoll ſie von Kriegsleuten Karls des Kühnen von
Burgund eingenommen worden ſein.
Vergeſſen wir den Trümmerwuſt entſchwundener Zeiten und
halten wir fröhliche Bergraſt im Burghof unter dem uralten,
weißgebleichten, ganz ausgehöhlten und doch wieder neu treiben⸗
den Nußbaum. Da ſchweift der Blick in die langgedehnten, föh⸗
rendunkeln Wälder ob dem Klingental, nach den Höhen, die das
Breuſchtal ſäumen, und hinab in die reiche elſäſſiſche Ebene,
über die gotiſchen Doppeltürme der neuen Kirche von Oberehn⸗
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