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Skizzen aus dem Elſaß. 177
Unter wechſelnden Schickſalen gedieh das Stift, verfiel auch
zeitweiſe, wurde vom elſäſſiſchen Papſte Leo IX. beſucht und
im Jahre 1051 mit einer Bulle beehrt, aber von Herzog Fried⸗
rich von Schwaben, des Kaiſers Barbaroſſa Vater ſtark ge⸗
plündert und „faſt völlig zerſtört zurückgelaſſen“. Sein kaiſer⸗
licher Sohn, des Vaters Unbill bedauernd, ſtellte Abtei und
Kirche wieder inſtand, erteilte den Vorſteherinnen den Titel
„des heiligen römiſchen Reiches Fürſtinnen“ und ernannte ſeine
Verwandte Relindis zur Abtiſſin. Unter dieſer und ihrer Schü⸗
lerin und Nachfolgerin Herradis von Landsperg ward die Or⸗
densregel des heiligen Auguſtinus eingeführt, es ſammelte ſich
eine ſtattliche Zahl edler Jungfräulein zum Unterricht in latei⸗
niſcher Sprache, Poeſie, Muſik und Zeichnenkunſt. Der kräftige
Geiſtesſchwung der Hohenſtaufenzeit lebte auch in dieſen zarten
Kreiſen. Relindis ſtarb im Jahre 1167, Herradis am 25. Ju⸗
lius 1195.
Nicht ohne Rührung erneuen wir das Andenken der geiſt⸗
reichen, kunſtſinnigen Herrad von Landsperg, deren Geſtalt nicht
wie Odilia mythiſch, ſondern, dank ihren Werken, in geſchicht⸗
licher Klarheit uns durch die Kreuzgänge, Kapellen und Linden⸗
ſchatten ihres geliebten „mons Hohenbure“ geleitet.
Die überlieferten Rechte des Stiftes gegen raublichen Ein⸗
griff Späterer zu wahren, ließ ſie in den wiederaufgebauten
Kloſtergang als Eckſtein ein Bildwerk fügen: da ſitzt mit lang⸗
geflochtenen, weit über die Schulter herabfallenden Zöpfen
Eticho Dux und übergibt der Tochter Odilia als Zeichen der
Inveſtitur das Salbuch; da ſteht Sankt Leudgarius, Biſchof
von Autun, Odiliens mütterlicher Oheim, der hier die erſte
Kirche geweiht hat; da knien vor der auch mit königlichen Zöpfen
geſchmückten Himmelskönigin Maria mit dem Kinde demütig
Relind Abbatiſſa und Herrad Abbatiſſa.
Aus Herradis' Zeit ſtammt wohl auch die Architektur der
an die erſt 1692 neugebaute Hauptkirche anſtoßenden wohler⸗
haltenen Kreuzkapelle, deren Alter irrtümlich bis zur heiligen
Odilia in das Jahr 690 hinaufdatiert wird. Ihre auf acht
mit Halbſäulen reich ausgeſtattete Mauerpfeiler auflehnenden
vierfachen Kreuzgewölbe werden von einer einzigen, nur zwei
Meter hohen kurzgedrungenen Säule unterſtützt. Dieſe im Zen⸗
trum des Ganzen freiſtehende Säule zeigt ein ſchweres, roma⸗
niſches Kapitäl, an deſſen vier Ecken aus reichem Blattwerk vier
Scheffel. VII. 12
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