http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0178
178 Epiſteln und Reiſebilder. II.
„grimaſſierende“ Menſchenköpfe vorragen. An den vier Win⸗
keln der Säulenbaſis iſt ſtatt Blattſchmuckes je ein Paar er⸗
hobener Menſchenhände ausgehauen. Sollen dieſe Häupter und
Hände die hier oben einſt dargebrachten Menſchenopfer an⸗
deuten? oder aber die dem Stift geſchworenen und nicht gehal⸗
tenen Eide? oder den Königsfrieden des Berges, deſſen Bruch
mit Abhauung von Haupt oder Hand zu ſtrafen war?
Zwei kleine Fenſter erhellen in gebrochenem Dämmerlicht den
niedern Raum. Ein verſtümmelter, jetzt leerer Steinſarg, in
welchem nach der Sage Odilia die ſterblichen Reſte des Eltern⸗
paares Attich und Bereswinde beigeſetzt hat, iſt in die Mauer
eingefügt. Dem Altar gegenüber zeigt die Mauer einen moder⸗
nen Glasſarg, darin eine mit herzoglichem Samtmantel ge⸗
ſchmückte Holzfigur nebſt verſchiedentlichem Gebein liegt. Seine
Inſchrift beſagt: Atticus Alsatiae dux obiit 695.
In den Flammen, welche während der Beſchießung Straß⸗
burgs die neue proteſtantiſche Kirche und Bibliothek verzehrten,
iſt der Fürſtabtiſſin Herradis großes Werk hortus delicarium,
der Wonnegarten, „der mit einer Leſe von Blüten aus heiligen
Schriften die Schar der Jungfräulein wonnig ergötzen ſoll“,
untergegangen — weiland ein ſtattlicher Kodex von 324 Perga⸗
mentblättern in Folio, in lateiniſcher Sprache und Minuskel⸗
ſchrift, Proſaauszüge aus Kirchenvätern und Kirchenſchriftſtel⸗
lern über bibliſche Geſchichte und das geſamte theologiſche Lehr⸗
gebäude, gelegentlich auch über Aſtronomie, Geographie, My⸗
thologie und was ſonſt zu Belehrung und Unterhaltung der
adeligen Kloſtergemeinde dienſam — dazu der Verfaſſerin eigene
lateiniſche Lieder meiſt mit Muſikbegleitung und einer Reihe
von Gemälden in ſorgſamer Federzeichnung, Farbe und Ver⸗
goldung. „Gleich einem Bienlein zu einem honigtriefenden
Bienenwaben hab' ich alles zuſammengefügt“, ſagte die gelehrte
Abtiſſin in ihrer Vorrede; ſie war eine echte Künſtlerin, Phan⸗
taſie, Ernſt und heiterer Scherz, freie Geſtaltung des Stoffes,
kernige Eigenart und freimütige Kritik walten in den naiven
Illuſtrationen. Das Schlußgemälde war dem Kloſter Hohen⸗
burg insbeſondere gewidmet, den Stiftern, der heiligen Odilia,
der Freundin Relindis' und der ganzen „Congregatio religiosa
temporibus Relindis et Herradis abbatissarum in Dei ser-
vitio in Hohenburc caritative adunata“ mit den Bruſtbildern
und Namen von ſechsundvierzig Stiftsfrauen und zwölf Laien⸗
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0178