Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 181
(PDF, 45 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0181
Skizzen aus dem Elſaß. 181

ſtellt, gehört Schweſtern vom dritten weiblichen Orden des
heiligen Franziskus und etlichen mit Wald⸗ und Feldarbeit
beſchäftigten Laienbrüdern. Es gewährt eine einfache an⸗
ſpruchsloſe Gaſtfreundſchaft. Einen ſchwereren Tag aber hat die
würdige Superiorin oder „Frau Mutter“ (Druis Antistita
wäre zu Cäſars Zeit der älteſten Druidin richtiger Titel ge⸗
weſen) ſamt allen Nonnen hier oben wohl nicht erlebt, als den
zweiten Mai im Jahre des Heils 1872, als die deutſchen Feſt⸗
gäſte, die der feierlichen Eröffnung der Univerſität Straßburg
angewohnt hatten, das Kloſter mit friedlichem Überfall und —
um das Wort des Lucanus nochmals ſcherzhaft zu gebrauchen
— „mit ſchrecklichem Feſtbrauch“ heimſuchten; ſtatt vierhun⸗
dert, wie angemeldet war, wohl fünfzehnhundert an der Zahl.
Da hub ſich deutſchen Studentenlebens fröhlicher Schall unter
den Linden des ſtillen Kloſterhofes, da ward in Hallen und
Gängen, vor Küchen und Kellerpforten in freundlich wirrem
Gedräng der „Kampf ums Daſein“ geſtritten, um Schüſſeln
mit Rettichen, mit Fleiſch und grüßenden Salaten, da ſah
man einen verehrten Feſtgaſt fürſtlichen Standes nicht ver⸗
ſchmähen, den Kloſterwein in Ermangelung des Glaſes aus alter
Kaffeeſchale zu trinken, da lagerten in bunten Reihen Kriegs⸗
leute, Studenten und Männer der Wiſſenſchaft, und donnern⸗
der Jubelruf umdröhnte die Ruheſtatt des Herzogs Attich und
der heiligen Odilia, als Bertold Auerbach dem glorreichen deut⸗
ſchen Heer, dem Heer des Mutes und der Bildung, und als
der Elſäſſer Egbrecht Graf Dürkheim Montmartin dem Kaiſer
Wilhelm ihre beredte Huldigung brachten.
Auf des Männelſteins Felsterraſſe aber, wo nachher der
Feſtzug die zweite fröhliche Bergraſt hielt und der Ausblick in
die maigrüne Pracht der Landſchaft ſonnenrein und duftig war
wie je, ſtand wie ein ehrwürdiger Wasgaudruide Kolmars
Staatsprokurator Vaccano und hielt in deutſcher Sprache dem
verſammelten Volk eine Bergpredigt, die klang, als ſolle der
uralte Geiſt des Waſichen in ſeinen Bergen aufgeſtört werden
und mit bewegten Wipfeln ſeiner Bäume mitrauſchen in den
Feſtjubelruf der Epigonen: „Das ganze Deutſchland vom Fels
zum Meere hoch!“


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