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Geſammelte Gedichte.
Nie ſchauet man am Abend
Ein Licht auf ſeinem Saal,
Da ſitzt er mit frohen Genoſſen
Bei Sang und vollem Pokal.
Doch heut hat er aus dem Hauſe
Noch keinen Schritt getan,
Und als der Abend nahet,
Zündet er zwei Kerzen an.
Als wollt' er Gäſte empfangen,
Sieht er ſtill und feierlich drein,
Gedecket ſteht der Tiſch da,
Doch niemand kommt zum Wein.
Er ſitzt allein mit den Flaſchen
Und leert manch Glas dabei,
Viel ernſte Gedanken ziehen
An ſeiner Seele vorbei.
In ein paar alten Liedern
Lieſt er mit trübem Sinn
Und ſchaut dazu ſo innig
Auf ein goldnes Ringlein hin.
Und ſpricht in ſeltſamen Worten
Als wollt' er Geiſter beſchwören,
Als könnt' er aus der Ferne
Wohl Gruß und Antwort hören.
„Du bärt'ger frommer Dichter,
So lieb⸗ und gramdurchglüht,
O du, Freund meiner Jugend,
Mit dem ſtrenggläub'gen Gemüt,
Und du, mit dem ich ſo gerne
Einſt Haus und Herz geteilt,
Bei dem im hohen Norden
Meine junge Liebe weilt —
Hoch euch, ihr treuen Gefährten!!“
So ruft er und ſinnt wieder nach,
Bis ihn der Schlummer ereilet
Im einſamen Jubelgemach.
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