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Geſammelte Gedichte. 17
Da ging durch Heidelbergs Straßen
Ein Jüngling gramerfüllt:
Im frohen Lenzesſpiele
Ein traurig Winterbild!
Er trägt eine blaue Kappe
Und ein blaugoldnes Band
Und ſchaut mit ſchweren Tränen
Hinaus ins blühende Land.
Er wandelt traurigen Schrittes
Zum „Horn“ am Neckar hin
Und ſitzt im leeren Zimmer
Mit ſchmerzdurchwühltem Sinn
Und mit gebrochner Stimme
Ruft er im einſamen Saal:
„Ihr öden, trüben Mauern,
Euch klag' ich meine Qual.
Ihr Zeugen fröhlicher Tage —
O nehmt den Traurigen auf,
Daß er am Heimatsorte
Beſchließe ſeinen Lauf.
Wie tönten hier einſt ſo helle
Die Lieder aus voller Bruſt!
Wie ſaßen hier einſt die Genoſſen
In friſcher Jugendluſt.
Wie drang mit Sturmesbrauſen
Von dieſem Raume hier
Der Ruf in die Winternächte:
Hoch Alemannia dir!
Wie klang einſt im Konvente
Manch Wort ſo ernſt und traut!
Wie lachten ſie bei den Scherzen
Der Kneipzeitung ſo laut!
Das war in jenen Zeiten
Ein ſtarker Bruderbund;
Und jetzt, o traurig Schickſal!
Iſt alles auf dem — Hund!
Scheffel. IX. L
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