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Geſammelte Gedichte. 19
Was nützt mich jetzt das Leben,
Wenn ich hier trauern muß
Wie auf Karthagos Mauern
Der Römer Marius!
Ich ſchließ mich keiner andern
Verbrüderung mehr an:
Ich ſterbe als getreuer,
Als letzter Alemann'!
Der Frühling, der da draußen
Die Wälder friſch belaubt, —
Uns hat er nicht verjünget,
Uns hat er das Leben geraubt.
Und wenn alles Hoffen vereitelt,
Wenn alle Farben verbleicht,
Da kommt der Tod erſehnet,
Da — ſtirbt ſich's im Lenz ſelbſt leicht!“
So ſprach die letzten Worte
Der letzte Alemann'.
Dann ſchaut er ſich noch einmal
Die blaugoldnen Farben an.
Und küſſet ſie herzinnig
Und ſchenkt einen Ganzen ein:
Sein Antlitz ſtrahlt verkläret
Im Frühlingsſonnenſchein.
Sein Herz aber war gebrochen,
Der Tod hat ihn gefällt,
Schon eilt ſein Geiſt im Fluge
Zu einer andern Welt.
Und ſterbend leert er den Becher:
„Hoch Alemannia!“ —
Und mit dem letzten Zuge
Da lag entſeelt er da. —
So ſtarb der Alemanne.
Es klagt um ihn kein Freund.
Nur ſtill hat eine Träne
Der Tſcherkeß um ihn geweint!
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