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Geſammelte Gedichte. 23
Draus auf der Straße ſpielet
Ein armer Leiermann,
Die Töne ſteigen ſchnarrend
Im Sturme zu mir heran.
Ich ſelber ſitze hier oben
Im einſam ſtillen Gemach
Und denke betrübten Sinnes
Vergangener Zeiten nach.
Ein altes, ergreifendes Volkslied
Geht laut mir durch den Sinn —
Sind das zuſammen nicht trübe
Berliner Melodien? —
An Schwanitz.
Ein krankes Herze trug ich
In meiner Bruſt herum:
Der fröhliche Zechgenoſſe
War melancholiſch und ſtumm.
O Heidelberg und Jena!
O Zeiten wunderſam!
Wie war ich bei euren Humpen
So gewaltig auf dem Damm!
Und hier am preußiſchen Fluſſe
Bin ich ſo einſam wie nie.
Hier hat man nur Durſt nach Wiſſen
Und ſtillt ihn mit Philoſophie
Oder höchſtens bei Butterbrötchen
Mit einem äſthetiſchen Tee.
Kein Wunder, daß es den Burſchen
Ergreift mit wildem Weh.
Doch ſollt' ich krank nicht bleiben
Und vertrocknen hier im Sand;
Ein alter Herzenschirurgus
Der hat mein Leiden erkannt.
Er wußt' ſchon in früheren Tagen,
Wo das Hauptübel ſaß
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