http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0032
32
Geſammelte Gedichte.
In langen Reihen lagen drin
Die Flaſchen weineshell.
Er nahm ſo viel er faſſen konnt'
Derſelben mit herauf
Und rückt' den Tiſch ins Freie hin
Und pflanzte ſie darauf.
„Gott will,“ ſprach er, „daß jeder ſich
Des Lebens ſoll erfreu'n,
Drum ließ er uns den Lenz entſteh'n,
Drum ſchuf er uns den Wein.
Drum freut der Baum ſich, wenn er blüht,
Der Vogel, wenn er ſingt,
Drum freut der Schöpfung höchſte Zier,
Der Menſch, ſich, wenn er trinkt!
Drum trink mit mir, du junges Blut,
Damit dein Herz gedeiht!“ —
Ich ſprach ein lautes Amen! drein
Und tat ihm gern Beſcheid.
Und war die eine Flaſche leer,
Stach er die andre an;
So ſank die Sonn', — wir merkten's nicht,
So kam die Nacht heran.
Doch als die Sonne wiederum
Aufging am andern Tag
— Nicht weiß ich mehr, ob auf dem Tiſch,
Ob unter ihm ich lag! —
Morgendlicher Weltſchmerz.
O ſüßen Trunkes bittrer Lohn!
Wie tut mir Haupt und Barthaar wehe!
Wie bin ich ſelber mir zum Hohn —
Wie ich das All ſo aſchgrau ſehe! —
Wie hat nur ſolche Wüſte Platz
In meines Hirnes enger Kammer?
Die Welt iſt eine große Katz',
Und ich trag ihren ganzen Jammer! —
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0032