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Geſammelte Gedichte. 33
L Die Räuber.
Ich ging einsmals des Wegs fürbaß,
Drei Räuber kamen gerannt;
„Willkommen,“ ſprach ich, „hier im Wald,
Ich reich' euch meine Hand.“
„Was ſchert uns deine Hand zum Gruß,
Dein Geld wir wollen ha'n,
Und ſo du's nicht freiwillig gibſt,
So muß dein Leben dran!“ —
„O wehe,“ lacht' ich, „meine Herrn!
Das tut mir wahrlich leid!
Mehr als an euch iſt an mir ſelbſt
Bar Geld die ſchwache Seit'.
Doch ſo euch Stiefel, Hut und Rock
Etwan gefällig wär', G
So nehmt ſie hin, ich geb's euch gern,
Mein Herz wird drum nicht ſchwer.
Hab' ich kein' Rock, ſo macht mir auch
Die Sonne nicht ſo heiß;
So ihr die Stiefel wollt, ſo ſetz'
Ich barfuß fort die Reiſ'.
Und ſo ihr mir das Leben nehmt,
Der Welt kein Schad' geſchieht:
Ein jeder Vogel in dem Wald
Singt ihr ein beſſer Lied.“ —
Die Räuber ſchauten ſeltſam drein;
Dann ſprach der ein': „Geſell!
An dir nicht viel zu plündern iſt,
Das ſeh' ich jetzo hell.
Nur eins hätt' ich dir gern geraubt,
Das iſt dein heit'rer Sinn,
Doch weil's nicht möglich iſt, ſo zieh'
Du deines Weges hin!“
Drauf drückt' er freundlich mir die Hand
Und ließ mich ruhig geh'n. —
Mir war, als hätt' in ſeinem Aug'
Ich eine Trän' geſeh'n. L
Scheffel. IX. 3
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