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Geſammelte Gedichte.
Traum.
Mir träumt', der Himmel ſamt der Erd'
Sollt' eine Bowle ſein;
Dazwiſchen flöſſ' das weite Meer
Und ſei voll lauter Wein.
Die Sonn' ſei eine Apfelſin'
In üppig goldner Glut
Und ſtiege ſelbſt herab und eint'
Sich mit dem Traubenblut.
Drauf hätt' ich von dem Firmament
Den Mond herabgeſpießt,
Der hätt' als großer Zuckerhut
Mir das Getränk verſüßt.
Und als der Stoff beiſammen war,
Hätt' ich mich hingeſetzt
Und mit manch ungeheurem Zug
Mein durſtig Herz geletzt
Und hätt' nicht eher aufgehört,
Bis daß die Bowle leer; G
Und was dann das Merkwürdigſte
Dabei geweſen wär':
„Daß niemand nach der Zeche mich
Für ſolchen Trunk gefragt,
Und daß am andern Morgen auch
Kein Kopfweh mich geplagt!“
An die Fiſcherin.
Vom Strande fährt die Schifferin
Im flutgewohnten Kahn.
Mit Angel und mit Netze ſchickt
Sie ſich zum Fiſchfang an.
Hei! wie ſie ſcharf zu rudern weiß
Und keck im Boote ſteht!
Es ſtrahlt ihr Aug', es fliegt ihr Haar,
Vom Morgenwind umweht.
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