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Geſammelte Gedichte. 61
Sie wollt' im Meeresſpiegel
Beſchauen ihr Antlitz klar.
Schnell kam der Hering geſchwommen,
Streckt' ſeinen Kopf herein
Und dacht' an einem Kuſſe
In Ehren ſich zu freu'n!
O Harung, armer Harung,
Wie ſchwer biſt du blamiert!
— Sie ſchloß in Wut die Schalen,
Da war er guillotiniert.
Jetzt ſchwamm ſein toter Leichnam
Wehmütig im grünen Meer
Und dacht': „In meinem Leben
Lieb' ich keine Auſter mehr!“
Der wahre deutſche Kaiſer.
Herr Wenzeslaus von Böheim, der war ein wackrer Mann,
Er ſaß beim Rheinweinfaſſe vom frühſten Morgen an,
Und war ihm das langweilig, ſo ging er auf die Jagd:
Aus den Regierungsſorgen hat er ſich nichts gemacht.
Sankt Nepomuk, der Fromme, der predigte ihm Buß',
Herr Wenzel ſprach mit Lachen: „Man werf' ihn in den Fluß!
Das helle Moldauwaſſer wird ihm gedeihlich ſein:
Bleib' jeder bei ſeinem Leiſten, ich bleib' bei meinem Wein!“
Ein Herold kam geritten und bracht' die ſchlimme Mär,
Daß er von Stund des Reiches und Throns verluſtig wär'!
Herr Wenzel ſtrich den Schnurrbart und ſprach iſt mir
urſt!
Ich bin ein Menſch vor allem, drum hab' ich immer Durſt.
Und ſoll ich den nicht ſtillen von wegen meiner Kron',
So mag der Teufel holen den deutſchen Kaiſerthron!
Viel lieber ein Privatmann beim vollen Faſſe Wein,
Als ein geplagtes Laſttier, ein deutſcher Kaiſer ſein!“
Er ließ ſich penſionieren und trank dann friſch und froh,
— Und wenn ich Kaiſer werde, ſo mach' ich's ebenſo!
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