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Geſammelte Gedichte. 67
Stilleben.
Der Hausknecht zu der Viehmagd ſprach:
„Ich denke dein den ganzen Tag
Inpn Kuhſtall!
Du biſt mein Schatz, du g'fällſt mir ſehr,
Wenn ich nur ewig bei dir wär'
Im Kuhſtall.“
Die Viehmagd legt' die Hand aufs Herz
Und ſchaute weinend himmelwärts
Im Kuhſtall.
„O Herr im Himmel, ſchaue drein,
Wie ich ihn liebe treu und rein
G Im Kuhſtall.“
Sie küßt' ihn ſtumm in ſel'ger Ruh;
Wehmütig brüllten die Ochſen dazu
Im Kuhſtall.
Ballade.
Es hatt' ein Bauer eine Magd,
Die hat ihm viele Freude gemacht.
Er ſchlief bei ihr gar manche Nacht
Bis an den Morgen.
Und als die Magd geſtorben war,
Da faß er an der Totenbahr',
Zerraufte ſich ſein ſchwarzbraun Haar
Und lamentierte.
Doch wie man ſie zu Grab' gebracht,
Da nahm er ſich 'ne neue Magd,
An der hat ihm ſein Herz gelacht,
Wie an der erſten.
„Gut' Nacht, Feinslieb!“ Auch die ſtarb bald,
Jetzt hatt' der Bauer das Leben ſatt,
Vertrank, was er noch übrig hatt'
Und ward Kapuziner.
5*
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