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Geſammelte Gedichte.
Doch in ſubſtantieller Einheit
Blieb er der Natur verwachſen —
Seine Ruhe war Verſtein'rung
Und verſchlang das Subjektive.
Darum hat er ſich in Hellas
Aus ſich ſelbſt herausgerungen:
Aufflammt das Subjekt zur Freiheit
Und die Sphinx iſt Menſch geworden.
Menſch! — Doch nur in Form des Staates;
Und wenn auch das Allgemeine
Sich zum plaſt'ſchen Kunſtwerk rundet:
Unverſöhnt blieb das Beſondre. —
Erſt in Rom ſchwang ſeine Fahnen
Das abſtrakte Selbſtbewußtſein
Und beherrſcht das Univerſum
Von dem Throne der Cäſaren.
Doch im Sturm der Willkürherrſchaft
Ging der Geiſt ſich ſelbſt verloren,
Und in ungeheurem Schmerze
Brach die alte Welt zuſammen.
Der Germane fand ihn wieder
Und hat ihn mit zarter Sehnſucht
Als unendlich Poſitives
Seinem Innern eingepflanzt.
Hier hat Glaube, Lieb' und Hoffnung
In dem logiſchen Prozeſſe
Mit der objektiven Wahrheit
Ihr Verſöhnungsfeſt gefeiert.
Drum für immer ſind des Weltgeiſt's
Wahrſte Träger wir Germanen. —
Drum ſind ſeine liebſten Kinder
Wir Berliner Philoſophen! —
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