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Geſammelte Gedichte.
Frühlingsboten.
Komm' ich aus des Tages Lärm
Heim nach meiner Klauſe,
Wo ich einſam und verſteckt
Als Einſiedel hauſe,
Strömt es mir wie Frühlingsduft
Wunderſam entgegen ...
Zwiſchen Büchern ſtill verſteckt
Grüßt mich Blumenſegen.
Lenzes erſte Kinder ſind
Zart zum Strauß gewunden:
Schneeglöcklein und Veilchen blau,
Primeln auch, die bunten.
Wer den Strauß mir hergeſtellt?
Herz, ich hör' dich ſchlagen —
War's der Frühling, war's die Lieb'?
Herz, was willſt du fragen?
Widmung.
Wir wollten fort bei Sonnenſchein
Wohl durch Gebirg' und Flur
Und ſaugen Künſtlernahrung ein
Inmitten der Natur.
Wo ſie am ſchönſten hat gedacht,
Da hätten wir's ihr nachgemacht
Auf dem Papiere nur.
Nun zürnte ſie den Künſtlern gar,
Wer tat ihr denn wohl was?
Den Schleier trug ſie immerdar
Und weinte ohn' Unterlaß.
Wie kann man malen, was trübe iſt?
Die Kunſt gedeiht nur, wo Liebe iſt,
Und kennet keinen Haß.
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