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Geſammelte Gedichte.
II.
Altes Sein und Denken
Auseinander fällt,
Mußt dir ſelber ſchenken
Eine neue Welt.
Bau' ſie dir tief innen,
Bau' ſie hell und weit —
Strömen und verrinnen
Laß die alte Zeit!
III.
Nimmer freudig meines Loſes
Kann die Hand zum Dank ich heben,
Daß die Götter mir ein großes
Herz mit in die Welt gegeben.
Und ich weiß, es iſt nur Grollen,
Iſt nur Hohn, daß ſie's gewähret,
Alles Tun und alles Wollen
Wird von tiefem Schmerz verzehret.
Junges Leben — o wie freudig
Jauchzt' ich einſt, dich zu begrüßen,
Und du ließeſt ſcharf und ſchneidig
Dornen nur am Weg mir ſprießen.
Armes Herz, jetzt ſchlägt es trübe,
Und ſein Glaube iſt erſtorben,
Seine Hoffnung, ſeine Liebe
Iſt vom Hauch der Welt verdorben.
Armes Herz — warſt allzu große,
Sei getroſt — nicht ziemt das Weinen,
In der Bergkluft Felſenſchoße.
Magſt du trotzig ſtill verſteinen.
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