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Geſammelte Gedichte. 91
Lieder des Katers Hiddigeigei.
I
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Bin eine Perſon von Erfahrung,
Erwiſch' ich die Maus nicht, ſo freſſ' ich die Ratz',
Auch die gibt erkleckliche Nahrung.
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Ich haſſ' die empfindſame Richtung,
Ich finde, die Welt iſt kein paſſender Platz,
Zu beſchreiten die Pfade der Dichtung.
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Ich ſinge nicht klagend vom Dache:
Verloren, geraubt iſt mein ſüßer Schatz,
Mir bleibt nur Tod oder Rache!
Ich, Hiddigeigei, die alte Katz',
Ich lieb' in der Liebe den Wechſel,
Es wäre ſonſt immer die ſelbige Hatz
Und das ſelbige Liedergedrechſel.
II.
Wie dieſe Menſchen ſich im Wahn verſteigen,
Ein Kater faßt ihr falſches Reden kaum —
Statt ſich mit bravem Raubtier zu vergleichen,
Spricht man von „Blüten an der Menſchheit Baum“!
O Baum der Menſchheit — Stamm, der ſchlank gehoben,
Mit ſeinen Wipfeln ſtolz den Himmel ſucht:
Dein Blattwerk iſt aus Dummheit nur gewoben,
Und kürbisſchwer hängt drin des Unſinns Frucht.
In Rom.
Der ich in Deutſchland manches Buch ſtudieret,
Das Recht gelernt aus ſtaubigen Folianten,
Der ich das Staatsexamen gut beſtanden
Und ſelbſt am Bundestage volontieret —
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