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Geſammelte Gedichte.
Und wo der Zauber frohen Sinnes waltet
Und im Pokal der Schaumwein perlend ſpricht,
Da mag ſich auch ein heit'rer Spruch geziemen.
Vor vierzig Jahren war's. Im deutſchen Land
Sah's unerquicklich aus — gewitterſchwül —
Die Völkerſchlacht von Leipzig war geſchlagen,
Doch dräuend ſtand der Frankenkaiſer noch,
Und ſchweres Tagewerk war noch zu tun.
Denn rings im Lande war der Ruf erklungen
Zu Wehr und Waffen! Vorwärts — drauf und drein!
Ein letzter großer Kampf ſei ausgefochten,
Der Feind, der uns ſo lang im Nacken ſaß —
Er ſoll nicht bloß zurückgeſchlagen ſein,
Zerſchmettert und vernichtet muß er werden!
So klang es auch in unſerm Heimatland;
In Stadt und Dorf, im Tal und auf den Bergen
Begannen die Gemüter ſich zu regen,
Und fröhlich griff die Jugend zum Gewehr.
Da ſprach zu Gengenbach im Vaterhaus
Herr Philipp Jakob Scheffel wohlgemut:
„Was frommt mich nun der Zirkel, die Buſſole,
Der Logarithmus und die Feldmeßkunſt,
Der ganze Waſſer⸗ ſamt dem Straßenbau?
Es zuckt die Fauſt, ſie mag nicht Pläne zeichnen
Und auf der Karte neue Linien ziehn —
Sie will den Säbel durch die Lüfte ſchwingen
Und mit dem Franzmann eine Rechnung pflegen —
Behüt' euch Gott, Herr Vater und Frau Mutter,
Mir wird's zu eng — ich muß ins Feld hinaus!
Habt keine Sorg', nicht jede Kugel trifft,
Den nächſten Brief, den ſchreib' ich aus Paris.“
Und nach der Hauptſtadt Karlsruh' wandt er ſich,
Dort hieß der Fürſt die Landwehr ſich verſammeln.
Zum langen Exerzieren war's nicht Zeit,
Die Trommel ſchlug — er ſtand in Reih und Glied —
Und juſt am erſten Februarius
Vor vierzig Jahren zog er aus zu Feld.
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