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Geſammelte Gedichte.
Der Friede kam. Da ſchmückt der Kriegsherr ſelbſt
Den neuernannten Hauptmann mit dem Orden
Die Bruſt, und einen zweiten ſandte ihm
Der Zar von Rußland, damals unſer Freund...
Noch einmal rief die Trommel in den Streit,
Und wied'rum zog er mit der Landwehr aus —
Doch gab's am Rhein nicht allzuviel zu tun,
Die hundert Tage waren bald vorbei,
Und durch den ſchweren, ungeheuren Schlag
Bei Waterloo ward unſerm braven Heer
Die Mühe großer Kriegsarbeit erſpart. —
Es folgten lange Jahre itzt des Friedens,
Und friedlich auch ward unſres Hauptmanns Tun —
Die alten Künſte nahm er wieder auf,
Er lehrte, was er ſelber einſt gelernt,
Die prakt'ſche Wiſſenſchaft des Ingenieurs.
Geſchrieben ſtund im Frieden von Paris,
Es ſoll der Rhein die Landesgrenze ſein —
Doch iſt der Strom in ſeinen alten Tagen
Ein wetterwendiſch wechſelnder Geſell —
Heut treibt er hier den Hauptſchwall des Gewäſſers
Und morgen ſchon verändert er den Lauf,
Tut eine Inſel auf, verſchlingt ſie wieder,
Benagt mit ſcharfem Zahn das Uferland
Und lernt nur ſchwer, der Elemente Kraft,
Das vielverſchlungne Brauſen ſeiner Flut
Gemeinem Wohl gedeihlich anzupaſſen.
Und weil der alte alſo ewig jung
Mit tollen Streichen oft die Ruhe ſtört,
So ward ihm eine Vormundſchaft geſetzt —
In gleicher Zahl Badenſer und Franzoſen,
Die ſollten ſcharf ihm ſeine Grenzen ziehn
Und ſeinen Talweg ordnen mit Bedacht.
Da wies des Fürſten gnäd'ger Herrſcherwink
Den Hauptmann Scheffel zu der Kommiſſion —
Im alten Baſel ſaßen ſie und tagten —
Da ward geprüft, gemeſſen und gezirkelt,
Mit Kompaß und mit Senkbkblei operiert,
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