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Geſammelte Gedichte. 101
Mein Spruch wird lang. Und doch, zu ſeinem Preis
Zog ich die erſten ſchwachen Striche nur.
Das weitre ſei nach gutem deutſchem Brauch
Itzt mit dem Glas getan; — ich heb' es hoch
Und freudig kling' als meines Liedes Schluß
Ein Lebehoch dem edeln Jubelgreis.
Poetennot.
An L. Knapp, während der Roman Ekkehard erſonnen ward.
(Hof Hohentwiel bei Singen, Pfizers Gaſthaus, Ende April 1854.)
Der ich von grünen Neckar⸗Schilfgeſtaden einſt
Hinüberſtieg zu Alemanniens alter Burg
Und auf baſaltner Hochwacht dort mich feſtgeſetzt,
Ausſpähend nach den Alpen und dem Bodenſee,
Ob mir ein Gott beſchere günſt'ger Vögel Flug
Und eine Heerſchar brauchbarer Geſtaltungen
Samt üpp'gem Weben zeugender Erfindungskraft:
Hier ſitz' ich jetzt, ein dreimal angeleimter Mann,
In eigner Torheit aufgequollnem Nebelqualm,
Der Karren ſteckt — es naht kein helfend Dreigeſpann,
Kein vorwärts treibend ſegensvoller Peitſchenknall.
Den Helden hab' ich glücklich auf die Burg verführt,
Jetzt ſollt', in hoffnungsloſer Liebe Labyrinth
Verſtrickt, er taumeln ohne jeden Rettungsknäul,
Da ſucht mich Geiſtesarmut heim und⸗Hungersnot,
Und böte einer eine Tonne blanken Golds
Für plaſtiſche, naturgetreue Darſtellung
Der Neigung meines frommen Mönchs und Hofkaplans
Zur herzoglichen Wittib, die ihm Schülerin,
Nicht wüßt' ich Rat — in dumpfem Harren ſtreicht der Tag,
Es ſtreicht die Nacht, es leuchtet noch kein Hoffnungsſtern.
Gedankenvoll den Finger nach der Stirn geſtreckt,
So lieg' ich brütend in der Feſte Trümmerſturz,
Die Eule ruft, ſie ruft mir keine Tröſtung zu,
Und höhniſch kriecht der Igel durch das junge Gras.
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