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Geſammelte Gedichte.
Die ſtehen unerſchütterlich
Auf feſtem Grunde da
Und lachen ob dem Türkenkrieg
Und ob der Cholera.
Und käm' ich wieder auf die Welt,
Ich ließ' den ganzen Qualm
Und zög' als Appenzeller Senn
Zum UÄſcher auf die Alm. —
Dies Liedel ſang als Abſchiedsgruß
Ein fahrender Scholar,
Der ſieben Tag' und ſieben Nächt'
Allhier zu Gaſte war.
Er ſchleppte auf den Berg herauf
Viel alte Sorg' und Qual —
Als wie ein Geißbub' jodelnd fährt
Er fröhlich jetzt zu Tal.
Oſterſonntag 1855.
Die Glocken klingen und ſingen
Hell über Tal und Fluß,
Summend ſchwingt ſich zu Berge
Ihr Oſtermorgengruß:
„Ihr, die in Nacht und Banden
Dem Tag entgegenharrt,
Wacht auf! Wacht auf! — Erſtanden
Iſt, der gekreuzigt ward“.
Die Wipfel hallen's wider,
Es bebt durch der Erde Schoß,
Und alles ſtrebt zur Sonne,
Und alles ringt ſich los.
Jetzund in ſieben Wochen
Iſt auch mein Oſtern da —
Von hoher Alpe ruf' ich:
Grüß Gott, Italia!
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