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Geſe ammelte Gedichte. 105
Des Engeren Maiwein⸗ und Frühlingslied.
Du, der mir die Seele mit Sonne,
Die Kehle mit Maitrank durchglühſt —
O Frühling, du Herold der Wonne,
Viel tauſendmal ſei mir gegrüßt!
Allüberall ſprießt es und ſproßt es
Mit Frohſinn erzeugender Kraft —
Selbſt Carové, wenn er noch lebte,
Stünd' wieder in Trieb und in Saft.
Verlaſſen ſind jetzt die Folianten
Auf ſtaubiger Bibliothek,
Es ſchwärmten wie dunkle Bacchanten
Bär, Thibaut und Sachße hinweg.
Und Bachmann der Alte durchwandelt
Die Säle und murmelt bewegt:
„Was nutzt mich das Gold dieſer Sonne,
Das weder gemünzt noch geprägt!“
Und überall ſingt es und klingt es,
Die Kegelbahn ſelbſt hör' ich ſchrei'n:
Das Orakel des römiſchen Rechtes
Schiebt ritterlich ſämtliche Neun.
Doch wie auch die Berge ergrünen,
So iſt doch kein Buchwald zu dicht:
Waldmeiſter weiß drinnen zu pflücken
Der Lehrer der deutſchen Geſchicht'.
Es brauet kein Mann in Europa
Den Maitrank ſo würzig und gut:
Die anderen tappen im Finſtern,
Der Hiſtoriker weiß, was er tut.
Er braut ihn an heiliger Stätte,
Dort wehen die Lüfte ſo ſchön,
Die heißen die Menſchen „Muſeum“,
Die Götter den „Engeren“.
O Engerer, Tempel des Frühlings,
Wie reißeſt auch mich du dahin!
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