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Geſammelte Gedichte.
Noch heut ſoll mein Mantel im Leihhaus
Die Sommerquartiere beziehn.
Sein ſündiger Leib mag verderben,
Ich lös ihn wohl nimmermehr aus;
Das Fauſtpfand verjubl' ich im Weine
Und ſing' in die Mittnacht hinaus:
Du, der mir die Seele mit Sonne,
Die Kehle mit Maitrank durchglühſt,
O Frühling, du Herold der Wonne,
Viel tauſendmal ſei mir gegrüßt!
Ein Nachtgeſicht.
Was dröhnen die Gräber und Grüfte
Von Gallien bis an den Rhein?
Es ſchwingt ſich empor in die Lüfte
Ein moderndes Totengebein.
Wehklagend ſtrömt es zuſammen
In langer, unendlicher Schar:
Weißbärtige fromme Druiden
Und Frauen, den Eichkranz im Haar,
Kriegsmänner mit fremdem Gewaffen,
Streithammer und eherner Keul';,
Merlinus der Alte ſelber,
Er jagt durch die Nacht mit Geheul.
Und wer auf Erin einſt, der grünen,
Die gaeliſche Urzeit erſchaut,
Und wer an helvetiſchen Seeen
Sein Haus auf den Pfahldamm gebaut,
Und die aus den kymriſchen Bergen,
Und die vom bretagniſchen Strand,
Und die von den rhätiſchen Gletſchern,
Und die aus italiſchem Land:
Sie kommen alle zum großen,
Zum mächtigen Völkerrat,
Dieweil ein deutſcher Gelehrter
Sie bitter gekränket hat.
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