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Geſammelte Gedichte. 107
„Wir gingen als Kelten zu Grabe,
Nun ſollen Germanen wir ſein?
O wer eine Heerſtraß' uns zeigte,
Wir würfen die Fenſter ihm ein!“
So tönt in der Waffen Geklirre
Ihr ſchauerlich rotwelſcher Schrei,
Da reitet auf hölzernem Klepper
Ein blaſſer Strohmann herbei.
Der Strohmann ſchwingt höhniſch die Lanze
Und weiſt ihnen Wege und Ziel —
Ich glaub', er führt Böſes im Schilde,
Ich glaube, das Stroh wuchs in Kiel.
Weh uns! Jetzt ſtürmt es im Fluge
Gen Heidelbergs Mauern heran —
Und das hat mit ſeinem Buche
Der Hofrat Holtzmann getan.
Durſt in Venedig.
Venedig iſt eine ſchöne Stadt,
Doch im Sommer iſt ſie zu heiße;
Was frommt mich der feurigſte Zyperwein,
Wenn das Herz ſich ſehnet nach Eiſe?
Was frommt mich mein prunkender Marmorſaal
Im verlotterten, alten Palazzo?
Tret' ich hinaus auf den hohen Balkon,
Schlimm duftet der Canalazzo.
Die braune Ceccha ſtreckt ſich und gähnt,
Zum Haß wie zur Liebe zu faule,
Und ſelbſt Sankt Markus' ehernem Leu
Hängt die Zunge ſchlaff aus dem Maule.
Wie traurig, wenn ein Gerechter muß
An verhaltenem Durſte leiden!
O, könnt' ich über die Alpen zur Stund'
Auf geflügelter Schildkröte reiten!
Weit über die Alpen in kälteres Land,
An des Neckars wald'ge Reviere,
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