Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 9: Gesammelte Gedichte)
[1916]
Seite: 116
(PDF, 39 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0116
116

Geſammelte Gedichte.

Mit Empfindſamen bin ich empfindſam und weich,
Mit Geiſtreichen geiſtreich geweſen,
Den Strebenden hab' ich voll Ausdruck und bleich
Die neueſten Dichter geleſen.
Es ergötzte mein leichthin ſpielender Witz
Den Backfiſch, die ernſte Matrone,
Manch bedeutſam funkelnder Augenblitz
Und Händedruck ward mir zum Lohne.

Anmutig wußt' ich zur Faſchingszeit
Die Narrenkleider zu tragen —
Im ſpaniſchen Wams, den Degen zur Seit',
Von Spitzen ſtarrend den Kragen,
Den flatternden Mantel mit Gold verbrämt,
Ein echter Kaſtilianer,
So imponiert' ich mit adligem Gang
Dem würdigſten Münchner Thebaner.

Zur höchſten Krinolinen⸗Region
Hab' ich mich kecklich verſtiegen,
Wo die Herrſcherinnen der Winterſaiſon
In vergoldetem Armſtuhl ſich wiegen.
Gar ſtolze Geſtalten — wie Statuen ſchier ...
Die rieſigen Reifröcke rauſchten, G
Dieweil ſie in ſchlechtem Franzöſiſch mit mir
Kühlvornehme Reden tauſchten.

Sie lorgnierten ſcharf, doch nach und nach
Erſchien ich auch dort präſentabel;
Selbſt eine Hofdame der Königin ſprach:
„Le jeune homme est assez aimable.“
Und hätte das Schickſal mich reicher bedacht
Mit Ahnen und Titel und Orden,
Ich wäre vielleicht auf ein Tage acht
Der Löwe des Tages geworden. —

Doch jetzt — ſchabab! Gutnacht! Fahr' wohl!
Die Handſchuhe ſind zerriſſen,
Die Veſperglock' ſchallt dumpf und hohl,
Und ich hab' weichen müſſen.


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0116