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Geſammelte Gedichte.
Mit Empfindſamen bin ich empfindſam und weich,
Mit Geiſtreichen geiſtreich geweſen,
Den Strebenden hab' ich voll Ausdruck und bleich
Die neueſten Dichter geleſen.
Es ergötzte mein leichthin ſpielender Witz
Den Backfiſch, die ernſte Matrone,
Manch bedeutſam funkelnder Augenblitz
Und Händedruck ward mir zum Lohne.
Anmutig wußt' ich zur Faſchingszeit
Die Narrenkleider zu tragen —
Im ſpaniſchen Wams, den Degen zur Seit',
Von Spitzen ſtarrend den Kragen,
Den flatternden Mantel mit Gold verbrämt,
Ein echter Kaſtilianer,
So imponiert' ich mit adligem Gang
Dem würdigſten Münchner Thebaner.
Zur höchſten Krinolinen⸗Region
Hab' ich mich kecklich verſtiegen,
Wo die Herrſcherinnen der Winterſaiſon
In vergoldetem Armſtuhl ſich wiegen.
Gar ſtolze Geſtalten — wie Statuen ſchier ...
Die rieſigen Reifröcke rauſchten, G
Dieweil ſie in ſchlechtem Franzöſiſch mit mir
Kühlvornehme Reden tauſchten.
Sie lorgnierten ſcharf, doch nach und nach
Erſchien ich auch dort präſentabel;
Selbſt eine Hofdame der Königin ſprach:
„Le jeune homme est assez aimable.“
Und hätte das Schickſal mich reicher bedacht
Mit Ahnen und Titel und Orden,
Ich wäre vielleicht auf ein Tage acht
Der Löwe des Tages geworden. —
Doch jetzt — ſchabab! Gutnacht! Fahr' wohl!
Die Handſchuhe ſind zerriſſen,
Die Veſperglock' ſchallt dumpf und hohl,
Und ich hab' weichen müſſen.
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