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Geſammelte Gedichte.
Und zu ſchaun aus den Trümmern von Eberſteinburg
Der Sonne glutſtrahlend Verſinken. —
Signora Amalia, gedenk' ich dran,
Will ſich das Herz mir betrüben,
Daß ich dreifach undankbarer Mann
Nicht früher an Euch geſchrieben.
So wünſch' ich denn fürs neue Jahr
Euch Glück auf allen Wegen
Und Farben, prächtig und ſonnenklar,
Und der Kunſt reichſtrömendſten Segen,
Gedanken, die wie Harfen⸗Akkord
Volltönender Seele entquellen,
Und einen reichen, engliſchen Lord,
Um alles gemalt zu beſtellen.
Und ſchön wär's, Signora Amalia, von Euch,
Würdet Ihr Verzeihung mir ſchenken —
Tagtäglich — wenn ich ein Streichholz ſtreich,
Will ich Euer von neuem gedenken.
Von zweyen Koloſſen.
Bei Sendling auf luftiger Höhe
Steht ein rieſig ehernes Weib,
Vom Scheitel bis zur Zehe
Ein Heldenjungfrauleib.
Ein Leu hält ihr zur Seite,
Die Rechte ſchwingt einen Kranz:
Wohlauf, ihr jungfriſchen Leute,
Wer wagt mit mir einen Tanz?
Zu Arona am Lago maggiore
Steht ein Mann von demſelben Metall,
Tonſur um das Haupt geſchoren,
Seines Zeichens ein Kardinal.
Der Mann ſchaut in die Runde
Und ſegnet das welſche Land,
Doch tief in des Herzens Grunde
Da lodert ein heimlicher Brand.
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