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Geſammelte Gedichte. 119
Walpurgisnacht! Frühlingsgeheimnis!
Da verläßt er den dunkelnden See
Und wandelt in ſüßer Verträumnis
Auf der Sendling⸗Münchner Chauſſee:
„Bavaria, ſchlankſte der Schlanken,
Ich ſchmelze vor Sehnſucht nach dir,
In den ſündhaft ſchönſten Gedanken
Erglüh' ich — o koſe mit mir!
Ich führ' dich zum Bock und Salvator,
Zur Thereſienwieſ' und zur Dult —
Ich führ' dich ins Auertheater ...
Bavaria, neig' dich in Huld!“
Er flüſtert es leis und begehrlich
Und umſchlingt ihre Hüfte mit Macht,
Seine Augen funkeln gefährlich...
Doch die Rieſenjungfrau lacht.
„Schaugt's den an, den Borromäus,
Was glaubt der Dalk, daß i ſei?!
Sie Wüſcht'r, Sie Zölibatäus,
Laſſen's mi aus etzt oder i ſchrei!!“
Sie ſchüttelt die Locken zum Hohne,
Grimm ſträubt ihr Löwe die Mähn'! ...
Der heil'ge Koloß von Arone
Ward nie mehr bei Sendling geſehn.
Maria.
I.
Im Meer mit leiſem Glühen
Beſchließt die Sonne den Lauf,
Und mit dem Monde ziehen
Die erſten Sterne herauf.
Und einer jener Sterne
Funkelt in blaſſer Ruh,
Funkelt aus himmliſcher Ferne
Befreundet und grüßend mir zu.
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