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122 Geſammelte Gedichte.
An Emanuel Geibel
beim Erſcheinen ſeiner „Neuen Gedichte“.
Nun ſteht die Sonn' in blaſſen,
Feuchtſchweren Dunſt gehüllt,
Es tobt durch alle Gaſſen
Der Winter grimm und wild,
Selbſt wer in Gummiſchienen
Den Fuß ſchneeſicher glaubt,
Dem ſchaufeln ſie Lawinen
Vom Dache auf das Haupt.
Wohl dem, der doch im Eiſe
Schon Blumen blühen ſieht,
Drum kauft' ich klugerweiſe
Mir heut dein neues Lied;
Dort pulſt des Frühlings Ader —
Wie mag's auch anders ſein?
— Ein Gottesmann der Vater,
Der Ahnherr pflanzte Wein.
Sorgſam trug ich's nach Hauſe
Und ſetzt' mich zu ihm hin,
Da ward's in meiner Klauſe
Mir gar vergnügt zu Sinn,
Die ält'ſte aller Zofen
Den Veſpertrunk mir bracht'
Und ſtellt an warmen Ofen
Zwei Kerzen für die Nacht.
Und ſchon ſind dieſe Kerzen
Zu Stümplein abgebrannt,
Noch immer, warm im Herzen,
Hab' ich dein Buch zur Hand;
Das rauſcht, wie drauß' im Walde
Durchs Moos der klare Quell,
Das glänzt durch dieſe kalte
Schneezeit ſo ſonnig hell.
Und von der Seele reißen
Will ſich ein böſer Roſt,
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