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Geſammelte Gedichte. 129
Als Segen zu dem weiten Lauf ihm mit.
Doch was ſie weben.. 's iſt nicht meines Amts,
Sie zu belauſchen — und ich ſtör' ſie nicht. — —
Wie wird's auf einmal doch ſo ſeltſam mir?“
Wie wird mir doch ſo weich um Bruſt und Herz,
Als wenn ich Heimweh hätt' — weiß nicht, nach was.
Loſet, was ich euch will ſage,
Die Glock' hat zwölf geſchlage.
Und iſch's ſo ſchwarz und finſter do,
So ſchine d'Sternli no ſo froh,
Und us der Heimet ſchunnt der Schi,
's muß lieblich in der Heimet ſi.
Was regt ſich jetzt? Horch, wie es ſeltſam rauſcht
Und leiſe herſchwebt übers Schneegefild'!
Hat jemand ſich auf ſpätem Pfad verirrt?
Nein, nein! Ich ſeh' ein freundlich Angeſicht
Und ein Gewand, als wär's von Morgentau
Und Sternenſchein gewoben, klar und licht,
Und in den Händen einen Blumenſtrauß.
Was mag es ſein? .. . Das iſt kein böſer Geiſt ...
Ich ruf' ihn an . . . Wer da! wo aus, wo ein?
Der Feſttag.
Du treuer Wächter, ſenk' die Hellebard,
Brumm in den Bart nicht, daß ein Fremder kommt.
Ich antwort' deinem „Wer da“ mit „Gut Freund!“
Riefſt du nicht manchmal ſchon nach Mitternacht
Den neuen Tag mit Sang und Hornruf an?
Wächter.
Ja, was iſt das? Seid Ihr der neue Tag?
Der Feſttag.
Kein andrer bin ich. Staun, ſoviel du willſt:
's ſteht jedem Tag ſein eigner Schutzgeiſt für,
Weit aus den Sternen ſchickt ihn Gott der Herr
Und ſagt: Steig' nieder, nach der Erde dort,
Streif' mit dem Sonnlicht über Berg und Tal
Und hab' ein Aug', daß alles wohl verlauf';
Scheffel. IX. 9
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