http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0133
Geſammelte Gedichte. 133
Sohn, verſäume keinen Bahnzug,
Sei genau auf die Sekunde!
Denn du weißt nicht, was im Anzug
In der Flucht der nächſten Stunde.
II.
Und ſo du durch einen Tunnel fährſt,
Mein Sohn, hab' Sorge und Acht,
Daß du der Nachbarin Lippen nicht gehrſt
Im unterirdiſchen Schacht.
Leid bringt manch' dunkeles Atlaskleid
Und Leid manch dunkle Paſſion;
Leid bringt auch des Tunnels Dunkelheit,
. . . In Frankreich erfuhr ich's, mein Sohn!
Seit damals bin ich den Tunneln feind
Und find's insbeſondre verkehrt,
Daß ſtets eine Lampe im Wagen erſcheint,
Wenn man ins Dunkel einfährt.
III.
Und hat dich im Fahren ein Reim erfreut,
Mein Sohn, verſag' ihn dem Drucke,
Daß nicht die Schar dickhäutiger Leut',
Bedauernd die Achſel drob zucke.
Denn juſt was am tüchtigſten ſummt und ſchwirrt,
Was leichtbeſchwingt, tändelnd und froh iſt,
Das iſt's, was ſolche zumeiſt beirrt, L
Weil ihr Sinn ſchwerfällig und roh iſt.
Doch biſt du mit ſolch böotiſchem Mann
In dasſelbe Coupé geraten:
Mein Sohn, dem treibe den Filzhut an,
— 's wird ſeinem Schädel nicht ſchaden.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0133