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Geſammelte Gedichte. 153
So leb' ich als Chiemſee⸗Krokodil
Treufleißig und ohne Ermattung,
Nur eins, ihr Freunde, iſt traurig: ich bin
Das einzige hier meiner Gattung.
Weiht eine Träne, ihr Freunde, mir!
Der Mann gehört zu dem Weibe;
Es iſt auch dem Krokodil nicht gut,
Daß es allein verbleibe.
Jüngſt trugen an Thaſſilos Nonnenſtift
Vorüber mich Winde und Wellen,
Da⸗ ſchielt' ich verſtohlen und weiß nicht, warum,
Empor zu den heiligen Zellen.
Und als ich die Töchter der Kloſterpenſion
Erſah, die am Fenſter geſeſſen,
Da überſchlich mich erbſündlich und bös
Die Neigung zum Menſchenfreſſen.
Doch ich bezwang mein beſchupptes Herz
Und weiß Entſagung zu üben —
Ich möchte um keinen Preis in der Welt
Die Kloſterfrauen betrüben!“
Frau Sonne.
Und muß ich der Minne frönig ſein
Nach hoher Frauen Befehlen,
So will ich zur Herrin und Liebſten mein
Die Sonne am Himmel erwählen.
Frau Sonne, glühgoldene Weltallzier,
Ich werbe um dich mit Sehnen,
Vielſchüchtern heb' ich die Augen zu dir,
Dein Glanz bewegt ſie zu Tränen.
Dein Glanz erwärmt mich durch und durch
Und erhält mich frohlebendig,
Er ſchafft mich in düſter⸗waldeinſamer Burg
Zufrieden und weltverſtändig.
O ſpende mir hohen, leuchtenden Mut,
Daß ſieglos die Toren mich neiden,
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