http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0155
Geſammelte Gedichte. 15⁵
Alte Liebe.
Einſtens ſtand mein Herz in Gluten;
„Löſch ſie aus!“ war dein Gebot,
Und die jungen Gluten ruhten
In ſich ſelbſt verglimmt und tot.
Von der Aſche wohl verdecket
Blieb ein Fünklein nur zurück;
Weh! zu neuem Brand erwecket
Ward es jüngſt durch deinen Blick.
Und jetzt lodern wilde Flammen,
Schlagen hoch zum Dach hinaus,
Schlagen ob dem Firſt zuſammen,
Und der Brand verzehrt das Haus!
Abſchied.
Deine Locken laß mich küſſen,
Trinken deiner Augen Licht,
Einmal noch, und dann nicht wieder,
Denn ich weiß den Weg der Pflicht.
Deine Hand reich' mir zum Scheiden,
Neig' dein kindlich Angeſicht
Einmal noch, und dann nicht wieder,
Denn ich weiß den Weg der Pflicht.
Morgenlied.
Zwielichtſchein und düſtergrauer
Nebel ſäumt des Berges Knauf;
Trüb im Frühgewitterſchauer
Steigt die Morgenſonne auf.
Zwielichtſchein und düſtergrauer
Nebel ſäumt des Berges Knauf;
Und in Träumen und in Trauer
Schreitet meines Tagwerks Lauf.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0155