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Geſammelte Gedichte.
Abendlied.
Linder Abend, Waldesſtille,
Und die Lüfte golden rot,
Feuer ſtreift die Wolkenhülle,
Drin die Scheideſonne loht.
Linder Abend, Waldesſtille,
Und die Lüfte golden rot:
Und noch iſt's nicht Gottes Wille,
Daß mein Schmerz zerrinnt in Tod.
Walter von Hallwyl.
Der See liegt eingefroren,
Das Land grabtief verſchneit;
Sein Herr ging ihm verloren,
Des trägt hier mancher Leid.
Doch aus der Schneelaſt windet
Zum Lichte ſich der Keim,
Und wenn das Eis zerſchwindet,
So kehrt die Schwalbe heim.
Dann ringt aus Haft und Banden
Die Welt ſich jauchzend frei,
In blumigen Gewanden
Kommt freudenreich der Mai.
Und mit ihm kommt ein andrer,
Der lang geſäumt und fragt:
Kennt ihr den fremden Wandrer
Den man geſtorben ſagt?
O Lenz in Blüt' und Düften,
O Dörflein, Burg und See...
Heil mir, dem Schwergeprüften,
Daß ich die Heimat ſeh'.
Noch leb' ich und verderbe
Der falſchen Freunde Spiel ...
Auf ſeiner Väter Erbe
Steht Walter von Hallwyl!
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