http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0159
Geſammelte Gedichte. 159
Auf flög' ich ſonder Schwere,
Daß keiner meiner Freunde wüßt',
Wo ich hinkommen wäre!“ —
Sturmnacht zog auf, ſpitz fuhr der Blitz
Zu Tal mit Glaſt und Flammen:
„O Wächter, deinen Schwanenſitz
Brech' ich noch heut zuſammen!“ —
Weit kreiſt die Flut, hat Mann und Turm
In ihren Schoß genommen,
Und keiner ſeiner Freunde weiß,
Wohin der Wächter kommen.
Die Scheltung.
So wẽe dir, tiutschiu zunge,
wie stàt din ordenunge!
Walter von der Vogelweide.
Der Meiſter hat geſcholten.
Wem hat's gegolten?
Dem Reiche!
Was ſprach er?
„Bärenhäutige, unzweideutige
Zwietracht und Ohnmacht!
Fremdem Lug und Trug vertrauend,
Nie auf eigne Urkraft bauend,
Selbſt ſich kettend Fuß und Arm;
Kühne Tat?.. Daß Gott erbarm!“
Der Meiſter hat geſcholten.
Wem hat's gegolten?
Der Pfaffheit!
Was ſprach er?
„Sündenrohe, pfründenfrohe,
Grundreiche Rundbäuche;
Sollten Segner ſein, ſind Flucher,
Treiben mit dem Heiligen Wucher.
Taufe, Chriſam, Seelenheil,
Alles um den Pfennig feil!“
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0159