http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0162
162
Geſammelte Gedichte.
Mit Flüſtern, Rauſchen, Schnauben, Stöhnen
Fährt klangvoll durch die Dämmerung
Ein Sturmlied, deſſen fremden Tönen
Ein ſtarker Meiſter leiht den Schwung.
Und wenn der Fichten Wipfel krachen
Und Aſt und Stamm zuſammenbricht,
Vernehm' ich, wie mit wildem Lachen
Im Selbſtgeſpräch die Windsbraut ſpricht:
Vielhundertmal brach ich die Schäfte,
Vielhundertmal wuchs neu der Schlag.
Glückzu!... noch ſpür' auch ich die Kräfte,
Jung wie am erſten Schöpfungstag.
Am Hallwyler See.
In des Weltlärms Haſt und Gellen
Denk' an dieſen ſtillen See,
Freudig ſpiegeln ſeine Wellen
Sonnenlicht und Alpenſchnee.
Ihn erfüllt kein ſtürmiſch Toſen,
Keine farbenwilde Glut,
Doch die ſchönſten weißen Roſen
Tauchen träumend aus der Flut.
Und ſo ſei er heut und immer
Gleichnis dir und Ebenbild ...
Sonder Prunk und falſchen Schimmer,
Einfach, heiter, klar und mild.
Almfreude.
Schwarzblaue Hörner —
Witternde Wand..
Eis in den Mulden,
Firnſchnee am Rand ..
Qualmend Gewölke,
Grau und gekrauſt,
Kauernd darüber
Föhnhauchzerzauſt.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0162