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Geſammelte Gedichte.
Mit Trompeten und mit Knurren
Lachten wir der faulen Zeit,
Leiſe nur ſchwebt heut mein Murren
Ob der Zukunft Dunkelheit.“
Im Sommer 1862.
Wartburggruß an die deutſche Kunſtgenoſſenſchaft
zum 21. Auguſt 1863.
Der Wartburg Tor hat ſich erſchloſſen,
„Willkommen!“ ſchallt ihr Ruf zu Tal,
„Willkommen, deutſche Kunſtgenoſſen,
Im großen Feſt⸗ und Waffenſaal!“ —
Zu Salzburgs grünen Alpenmatten
Ging eures letzten Feſtzugs Lauf,
Heut nimmt in ſchlanker Säulen Schatten
Thüringens hohes Haus euch auf.
Auch hier iſt Kunſt! — Um dieſen Boden
Schwebt großer Zeit Erinn'rung hin
Wie Waldesrauſchen. Ihre Toten
Erweckte ſchöpferiſcher Sinn:
Dem halbverklungnen Traum der Sage
Schuf Bau und Bild ein feſt Gewand,
Bis als ein Phönix unſrer Tage
Die ganze Burg vom Wuſt erſtand.
Nun ſchaut ihr ſtarke Vorzeit wieder,
Die Minne pflag und Waffenwerk,
Und ſchaut die Sänger ſüßer Lieder,
Die einſt gekriegt auf dieſem Berg.
Sie treten vor euch, wie ſie waren
— Das iſt der Kunſt unſterblich Teil —
Und heut, wie vor ſechshundert Jahren,
Ruft froh der Gaſt: „Dem Burgherrn Heil!“
Nun laßt das Auge ſich verſenken
Im Abglanz alter Herrlichkeit,
Daß die Gedanken neu erdenken
Mannhafter Vorwelt Freud' und Leid.
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