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Geſammelte Gedichte. 167
Es weht ein Geiſt aus Stein und Bilde,
Der echt und groß zur Seele ſpricht;
Dem Schauprunk feind, voll ernſter Milde,
Vertieft in Gott, und rührend ſchlicht.
Und regt ſich einſt ſehnſüchtig leiſe
Im eignen Herz die Schöpferkraft,
Daß ihr in vaterländ'ſcher Weiſe
Ein Werk ſchafft, kühn und heldenhaft:
Dann ſeid gewiß, ihr deutſchen Meiſter,
Wo ihr auch weilt im deutſchen Land,
Daß euch der Wartburg gute Geiſter
Von neuem ihren Gruß geſandt.
Zur vierten Auflage des Trompeter von Säkkingen.
Vom Boezberg kam ich jüngſt zum Rhein gezogen,
Ein heimatlich Verlangen trieb mich hin
Zur Landſchaft, deren Duft ich einſt geſogen,
Zur heitern Stadt des heil'gen Fridolin.
Als ob des Wand'rers Wiederkehr ſie freute,
Erſtrahlte ſie herbſtſonnig warm und klar,
Ihr Münſter, das ſich ſtattlich erſt erneute,
Erſpiegelte im Strom der Türme Paar;
Hoch nordwärts ſtrich, die Nebel blau durchglänzend,
Der Hozzenwald, die Ferne fein umgränzend.
Vom Gallerturm im römiſchen Inſelwalle
Bis zu der Fürſtabtiſſin Frauenſtift
Kannt' ich die Dächer, Firſte, Giebel alle,
Wo oft mein leichter Kahn vorbeigeſchifft;
Herwärts, wo Kieſel das Geſtad umdämmen,
Winkt eines Gartens wohldurchblümte Au,
Und halbverſteckt von Wildkaſtanienſtämmen
Des Herrenſchlößleins ſchlankbetürmter Bau:
Hutſchwenkend grüßt' ich durch der Bäume Lücke
Und überſchritt die holzverſchalte Brücke.
Mein erſter Gang, er galt den werten Toten
Im Friedhof, dran der Rhein vorübereilt,
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