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Geſammelte Gedichte. 175
Drum ſchallt von allen Wipfeln munter
Der Nachtigallen Lobgeſang.
Sie jubeln feiner denn in Worten:
Sieh! es iſt alles neu geworden.
Im Kies verſtrüppter Uferdämme
Schleicht heut mein Pfad feldaus waldein,
Da ſpiegeln wilde Birnbaumſtämme
Mit Ulm' und Eſche ſich im Rhein.
Auch ihn erfreun des Maien Wonnen,
Sein Schuppenvolk taucht wohlig vor,
Der Aal kommt ſchlängelnd, ſich zu ſonnen,
Lautplätſchernd ſchnalzt der Hecht empor,
Und murmelnd trägt's die Flut gen Norden:
Sieh! es iſt alles neu geworden.
Gekränktes Herz, wozu dein Härmen?
Streif' ab den fleckendunkeln Roſt,
Laß dich von dieſen Lüften wärmen
Und ſchöpf' aus dieſer Landſchaft Troſt:
Kein Leid, kein Groll darf allzeit dauern,
Es kommt der Tag, da alles grünt,
Da Kränkung, Schuld und herbes Trauern
In goldner Sonne Strahl ſich ſühnt.
Auch im Gemüt, wie allerorten, L
Sieh! iſt dann alles neu geworden.
Und ruht im kühlen Schoß der Erde
Von allem Schmerz dein ſterblich Teil,
Getroſt, getroſt! ein kräftig „Werde!“
Beruft dich einſt zu beßrem Heil.
Aus ird'ſchen Stoffs und Grams Verzehrung
Reift unſichtbar ein friſcher Keim,
Den eines andern Mai Verklärung
Zur Blüte bringt in anderm Heim.
Dort rauſcht's in höheren Akkorden:
Sieh! es iſt alles neu geworden.
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