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Geſammelte Gedichte. 179
Mahnung.
Jung fleißig ſein
Und viel erlernen müſſen,
Iſt kleinere Pein,
Als nichts im Alter zu wiſſen.
Feſtgruß
der ſechzehnten Verſammlung deutſcher Architekten und Inge⸗
nieure, dargebracht von der Stadt Karlsruhe 1872.
Willkommen hier, baukundige Wandergäſte,
Septemberſonne lacht auf euren Pfad
Und Land wie Leute grüßen auf das beſte
Der Deutſchen Technik Hort und Ehrenrat.
Nicht Hamburgs Alſter zwar, noch Wiens Paläſte,
Beſcheiden iſt, was man zu zeigen hat,
Doch ſonder Bangnis rüſtet ſich zum Feſte
Carl Wilhelms wohlgeplante Fächerſtadt.
Sie wuchs als Kind im Hardwald, knapp gehalten,
Weinbrenner wies ihr, wie man „klaſſiſch“ baut,
„Gefrorene Muſik“ hieß er ſein Walten,
Drum iſt ſie auch ſo lang nicht aufgetaut.
Spät erſt durch Hübſch erlöſt vom Bann des Alten,
Ward ſie des Werts der Schönheit ſich bewußt,
Nun darf ihr Fächer ſich modern entfalten,
Vertraun auf gute Zukunft ſchwellt die Bruſt.
In Heidelberg umſchwebt euch ander Weſen
Wie Geiſterhauch. Beredt, ehrwürdig, groß
Weiß ein Kollegium Renaiſſance zu leſen
Das alte Schloß in ſeiner Trümmer Moos;
Doch eh' man noch am Neckar froh geweſen,
Führt euch der Feſtzug zu des Schwarzwalds Schoß,
Zum OQuellendampf, drin Gichtiſche geneſen,
Zur Bäderſtadt im milden Tal der Oos.
Wenn dort vor Badens Burg nach Feſtesſitte
Ihr tafelt unter grünem Wipfeldach,
So kommt noch einer mit bedächt'gem Schritte,
Den Berg empor. Das Richtſcheit zeigt ſein Fach,
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